Wetterphänomen im Lungau: nur was?

Inzwischen ist der Text stark gekürzt worden und stimmt nun besser. Ich lasse den alten Text aber mal stehen, inklusive der Erklärungen. Grundlage für die kritisierte Version war der Text vom 14.08.2018.  

Teil 1: Eigene Recherche

Vorab: Ich kenne den exakten Zeitpunkt des Videos nicht und aus dem Video ist nicht klar ersichtlich, wie die Wolken unmittelbar über dem Wirbel beschaffen waren.

Was wir wissen: Montagnachmittag ist von Westen her eine Kaltfront mit vorlaufenden Schauern und Gewittern durchgezogen. Davor heizte sich die Luft nochmal auf 27°C in Mariapfarr auf.

fanningbergstation-130818-1400

Webcambild Bergstation 14.00

fanningbergstation-130818-1515

Webcambild Bergstation Fanningberg, 15.15

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Webcambild Talstation, 15.00

fanningbergtalstation-130818-1600

Webcambild Talstation, 16.00

Von den Webcambildern her fand das Ereignis eher zwischen 14.00 und 15.00 als zwischen 15.00 und 16.00 statt. Im Webcambild der Talstation sieht man um 15.00 am linken Bildrand (Richtung Nordosten) eine abziehende Cumulonimbuswolke (helle fasrige Eiswolke), um 16.00 ist die Bewölkung bereits deutlich aufgelockerter, mit größeren Wolkenlücken nach Westen hin. Zudem weht bereits böiger Nordwestwind. Im besagten Zeitraum zogen ca. 8 bis 10km nördlich und östlich Schauerzellen durch.  Die Wetterstation Tamsweg meldete um 14.00 (föhnigen) Südostwind mit 13kt, zwischen 15.00 und 15.30 drehte der Wind auf Ost bis Nordost mit bis zu 17kt. Am Katschberg und in St. Michael/Lungau wehte weiterhin föhniger Südwind.

Was man nicht sieht: Weder die Radarbilder noch die Video- und Webcamaufnahmen deuten auf langlebige rotierende Gewitterwolken hin (= Superzellen). Einen Superzellentornado kann man ausschließen.

Spekulation:

Staubteufel (Kleintrombe)

Was spricht für einen Staubteufel? Die kräftige Tageserwärmung, immerhin knapp 27°C in Mariapfarr auf über 1100m. Der Umstand, dass vorher Windstille geherrscht haben soll, auch wenn das während dem Video so aussieht, als würde auch in der Umgebung schon der Wind gehen. Die aufgelockerten Wolken im Hintergrund, die eine kräftige konvektive Wolke vermissen lassen und damit eine Großtrombe.

Was spricht dagegen? Die Entstehung über dem See, sofern er nicht vorher schon existierte. Bei einer Umgebungstemperatur von 27°C müsste der See wohl über 40°C haben, damit sich eine rasche Temperaturabnahme mit der Höhe über der Wasseroberfläche einstellt. Das ist eher unwahrscheinlich. Laut Windmessdaten wehte in der Umgebung beständiger Südost- bis Südwind (Taleinwinde und Föhn). Das würde Heißluftblasen am Boden eher wegdrücken oder zerreißen. Außerdem war es während dem Video stark bewölkt, während Staubteufel meist bei Sonnenschein auftreten, sonst reicht es für Überhitzung nicht aus.

2. Gustnado (Böenfrontwirbel)

Gegen einen Böenfrontwirbel spricht, dass keine Schauerzelle den Ort direkt getroffen hat, sondern nördlicher bzw. östlicher vorbeigezogen sind, und zwar in beträchtlicher Entfernung. Wenn, müsste die Böenfront so kleinräumig gewesen sein, dass nicht einmal die ca. 2km entfernte Station in Mariapfarr etwas davon bemerkt hat (dort blieben die Winde auf Ost und die Temperatur ging kaum merkbar zurück). Überdies entstehen Böenfrontwirbel eher in Zusammenhang mit ausgeprägteren Gewitterlinien, hier gab es aber verstreute Einzelzellen. Für einen Böenfrontwirbel spricht am ehesten, dass kein Kontakt zu einer übergeordneten konvektiven Wolke erkennbar ist.

3. Ein nichtsuperzelliger Tornado („Typ-II-Tornado, Großtrombe“)

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Entstehung von Typ-II-Tornados (Skizze von Wakimoto & Wilson 1989)

Diese Tornadoart bildet sich dann, wenn kräftige Aufwinde nichtrotierender Gewitterwolken über bodennah bereits bestehende Wirbel ziehen. Der Aufwind streckt den Wirbel vom Boden bis zur Wolkenuntergrenze – fertig ist der Tornado.

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Lage der Webcam-Stationen, Wetterstation und Wirbelereignis, Windverhältnisse (Quelle: Open Street Map)

Die Karte zeigt Ostwinde (Taleinwinde) östlich vom Ereignisort sowie Südwinde (Föhn) deutlich westlich. Die Schauerzellen nördlich verursachten wahrscheinlich Nordwinde (vlg. Fahnen an der Talstation). Das kann eine lokale, bodennahe Konvergenzzone beim Outdoorpark erzeugt haben. Winde, die also zusammenströmen und einen Wirbel um eine vertikale Achse bilden. In dem Fall gebildet durch das Ausströmen aus nördlicher Richtung (Weißpriachtal), welches auf den Südwind/wärmere Luft bei Fanning trifft.

Für einen klassischen Tornado müsste sich der Aufwindbereich der Schauerwolke über dem Wirbel befunden haben. Das ist aus dem Video leider nicht ersichtlich. Man erkennt zwar im Hintergrund Niederschlag, die räumliche Nähe am trockenen Standort kann daher gepasst haben, aber das würde den Augenzeugenbeobachtungen widersprechen („aus heiterem Himmel“). Allerdings reichte der Wirbel relativ weit hinauf (man beachte, wie weit das Strandglumpat in die Höhe gezogen wurde).

Zusammenfassung:

Aus dem Video und den wenigen Beobachtungsdaten in der Umgebung kann nicht zweifelsfrei geklärt werden, was hier tatsächlich vorliegt. Ein Superzellentornado ist ausgeschlossen, ein klassischer Böenfrontwirbel wars nicht, ein kräftiger Staubteufel (Kleintrombe) erscheint am wahrscheinlichsten, evtl. zusätzlich gestützt durch die konvergenten Windverhältnisse. Für den Fall, dass sich doch ein Aufwindbereich über dem Wirbel befand, wäre ein nichtsuperzelliger Tornado ebenfalls denkbar.

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