Wintereinbruch und Kältewelle für Österreich übertrieben?

Nachdem der Winter sich trotz meteorologischem und kalendarischem Winterbeginn wochenlang nicht in Mitteleuropa blicken ließ, glaubte man schon an eine Wiederholung des winterlosen 2013/2014-Winters. Doch ein markanter Wetterumschwung über die Weihnachtsfeiertage brachte unverhofft deutliche Minusgrade in den Ostalpenraum.

An Heiligabend wurden beispielsweise mit Föhnunterstützung am Alpenostrand noch bis zu +17°C Höchstwert gemessen, fünf Tage später kletterte das Quecksilber in derselben Region nicht mehr über -4°C am Nachmittag. Auch die Tiefstwerte können sich sehen lassen: An Heiligabend in einzelnen Föhnlöchern nicht unter +8°C, am 30.12. in der Früh bis -18°C in Teilen Kärntens.

Dazu fiel bei Dauerfrost verbreitet Neuschnee, im westlichen Bergland dank zweier Warmfronten sogar enorme Neuschneemengen selbst im Flachland, mit verbreitet 30-50 cm am Alpennordrand. Wohlgemerkt alles Pulverschnee, nachdem die Wochen davor deutliche Plusgrade bis in mittlere Lagen überwogen.

Schnee und Dauerfrost sind im Winter nun überhaupt nichts Ungewöhnliches, allerdings treten strenge Fröste und länger anhaltender Dauerfrost insgesamt immer seltener auf. Der schneereiche Winter 2012/2013 war etwa durch wenige Tage mit Dauerfrost gekennzeichnet, im vergangenen Winter musste man selbst Tage mit nennenswerter Schneedecke im Flachland oft suchen, Frost trat kaum auf.

Der Höhepunkt des Winter-Intermezzos wurde am Dienstag, 30.Dezember 2014, um 01 MEZ erreicht, als die -15°C in 850 hPa (hier: in 1500 m Höhe) die Voralpen überflutete, in Südostpolen wurden sogar -20°C erreicht.

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Im Winter 2012/2013 waren Luftmassen mit -10°C in 850 hPa und weniger häufiger über Mitteleuropa, wenn auch nur kurzzeitig im Alpenraum anzutreffen. Am 26.1.2013 befand sich zuletzt die -15 in 850 hPa über dem Norden von Österreich.

Auch im Winter 2010/2011 gab es einen solchen Streifschuss, etwa am 23. Februar 2011

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Die heftigste Kältewelle der vergangenen jahre fand aber im Februar 2012 statt, als am 5. Februar um die Mittagszeit -20°C in 1500 m über Ostösterreich gemessen wurden:

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Auffallend ist aber, dass diese enormen Kaltluftvorstöße typischerweise erst im Februar auftreten, teils sogar noch später. Eiseskälte zu Weihnachten ist eher selten – in 7 von 10 Fällen tritt das altbekannte Weihnachtstauwetter mit einer milden, stürmischen Südwestlage auf, am Alpenostrand mit hartnäckiger Kaltluft gelegentlich den gefürchteten gefrierenden Regen bringend.

Wie ungewöhnlich ist also ein derartiger Kaltluftvorstoß in der letzten Dezemberdekade?
In den vergangenen 20 Jahren zeigen die Archivkarten:

Ein noch markanterer Kaltluftvorstoß fand am 27. Dezember 1996 statt:

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Ein ausgeprägter Kaltlufttropfen sorgte auch am 13. Dezember 2001 für einen Kurzbesuch der -20er Isotherme:

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Am 23. Dezember 2003 reichte es kurzzeitig für die -15 in 850 hPa im Alpenraum, am 30. Dezember 2005 war es ähnlich kalt, im Dezember 2009 zog die Kaltluftblase nördlich der Alpen über Deutschland hinweg – mit bis zu -20°C am 19. Dezember, am Folgetag morgens aber auch die Nordalpen streifend.

Auch der Dezember 2010 begann mit -20°C in 850 hPa über Ostdeutschland. Rcfsr_2_2010120206

In Summe traten in den vergangenen 20 Jahren einschließlich heuer sieben mal arktische Polarluftvorstöße auf, wesentlich häufiger bewegten sich die 850er über der -10°C-Isotherme und noch viel häufiger herrschte eine zügige Westströmung im Dezember vor.

So gesehen ist der Zeitpunkt des „arctic outbreaks“ kurz nach Weihnachten doch vergleichsweise ungewöhnlich.

Mit den Kältewellen in den USA kann dies sicher nicht vergleichen, aber dort begünstigt auch die geographische Lage derartige massive Kältewellen:

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Am Ostrand der Rocky Mountains steht der arktischen Kaltluft, die sich im Winter über dem Binnenland von Kanada sammelt, nichts im Wege, und am Südrand der Großen Seen verstärkt der Lake-Effekt, wenn kalte Luft über der Wasseroberfläche Feuchtigkeit tankt, noch heftige Schneefälle. Zudem gehen die Kaltluftvorstöße oft mit Sturmtiefs im Osten der USA einher, die sich im Grenzgebiet zwischen kontinentaler Kaltluft und atlantischer Warmluft bilden.

In Europa verhindert das skandinavische Gebirge, dass Kaltluft auf direktem Wege von Spitzbergen zu uns gelangen kann. Dies geschieht häufiger über die Nordsee, wo sich die Kaltluft über dem vergleichsweise milden Wasser erwärmen kann. Wesentlich seltener sind Kaltluftvorstöße über die (im fortgeschrittenen Winter teilweise zugefrorene) Ostsee sowie vom russischen Kontinent her. Das dauert ein paar Tage und erfordert für Extremtemperaturen zudem Hochdruckeinfluss (wenig Wind + klaren Himmel) , was bei dieser Großwetterlage äußerst selten in Mitteleuropa vorkommt. Häufiger geschieht die Kaltlufzufuhr, wie derzeit, unter Tiefdruckeinfluss, damit bei Wind und dichter Bewölkung, welche Extremtemperaturen bis auf windgeschützte Lagen flächendeckend verhindert.

Auch wenn man sich das Herkunftsgebiet anschaut: Der Ursprung der nordamerikanischen Kaltluft hat wesentlich größere Anteile an Festland und zugefrorenem Binnenmeer, wo sich über Wochen hinweg dauerhafte Kaltluftreservoire aufbauen können, während das Ursprungsgebiet für Mitteleuropa wesentlich höheren Meeranteil (Nordsee und norwegische See bis Barentsee) umfasst, also tendenziell etwas weniger kalte Luftmassen, die erst in Ruhelage (unter Hochdruckeinfluss) über dem Kontinent richtig abkühlen können.

In Summe halte ich folglich den Begriff Wintereinbruch für das winterliche Intermezzo in Deutschland und Österreich aufgrund der sehr milden und schneefreien Vorgeschichte für gerechtfertigt. Die Kältewelle wird zwar in höheren Lagen ab Neujahr beendet sein (5 Tage Dauer), sich in den Niederungen mitunter noch etwas fortsetzen, ehe sich mit der maskierten Kaltfront ab Freitag, 2. Jänner, auch in den Niederungen Tauwetter durchsetzt (anfangs mit gefrierendem Regen). In weiterer Folge gibt es wohl einen Wechsel aus kurzen milderen Phasen und Schneefall bis in tiefe Lagen. Der Dauerfrost ist aber erst einmal vorbei. Ob man nun Kältewelle oder Kälte-Intermezzo schreibt, bleibt dem Journalisten überlassen.

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