Hüttenwirte leiden unter Angst der Gäste vor Unwettern: Unglückliche Formulierung

Im ORF (abgerufen am 14.08.2016, 16.11), las ich einen Bericht zur schlechten Saison bei den Hüttenwirten in den Alpen.

Genau kommen sind zwei Passagen etwas kritisch zu sehen aus Sicht eines Meteorologen und Berggehers:

Schlechte Prognose hält Tagesgäste fern

Bei nasskalten Witterungsbedingungen und Wettervorhersagen bleiben viele Wanderer im Tal, so Hüttenwirt Lanthaler. Bei einem guten Wetterbericht seien es 50 bis 100 Tagesgäste und bei einem schlechten seien es gar keine.

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Denn in deutschsprachigen Ländern mangelt es im Gegensatz zu Großbritannien oder auch den USA an Wettervorhersagekompetenz. Und zwar nicht, sich Wettervorhersagen selbst zu machen, denn dafür gibt es den Beruf des Meteorologen, sondern wie man Wetterprognosen interpretiert, was Wahrscheinlichkeiten sind und auf welche Regionen sich Wetterberichte beziehen. In einem früheren Blogeintrag habe ich ausführlich beschrieben, wie man Wetterberichte richtig liest. Sowohl manche Hüttenwirte als auch viele potentielle Tages- und Übernachtungsgäste hören aber z.B. aus einem Ö3-Radiosender-Wetterbericht, der selten länger als zwanzig oder dreißig Sekunden dauert, („im Bergland entstehen einzelne Schauer oder Gewitter“) heraus, dass es genau bei ihnen an der XY-Hütte gewittern wird. Den ganzen Tag. Ich hatte darüber auch schon mit einem Hüttenwirt diskutiert, der genau dasselbe sagt. Ihm wäre am liebsten, die Meteorologen würden wortwörtlich „das Blaue vom Himmel lügen“, denn dann kämen immer noch mehr als bei einer Schlechtwetterprognose. Bei Prognose und Eintreffen gibt es die berühmte Matrix, was passiert, wenn eines von beiden nicht passt:

  • Prognose ist Schönwetter. Es gibt Schönwetter (= alle zufrieden).
  • Prognose ist Schlechtwetter. Es gibt Schlechtwetter (= auch ok, keiner kommt, aber damit war zu rechnen).
  • Prognose ist Schönwetter. Es gibt Schlechtwetter (Hüttenwirt zufrieden, Gäste unzufrieden, kommen aber trotzdem).
  • Prognose ist Schlechtwetter. Es gibt Schönwetter (worst case, Gäste bleiben aus, Hüttenwirt unzufrieden).

Das ist jetzt aus streng wirtschaftlicher Sicht gedacht. Hier fließt auch nicht ein, dass sich z.B. Ö3- oder Ö1 oder ORF-Wetterbericht gar nicht auf die Region um Hütte XY beziehen, sondern auf ganz Österreich, und dass regionale Sender geeigneter wären, das lokale Wetter abzuschätzen. Wenn wir uns jetzt aber die zweite Passage anschauen …

Je länger der Zustieg sei und je abgelegener die Hütte sei, umso mehr leide sie darunter, dass die Leute vor Gewittern und Unwettern Angst haben.

… dann wäre ich als Bergretter froh, wenn die Leute etwas mehr Angst vor Unwettern haben und nicht bei einem drohenden Wettersturz trotzdem auf die Hütte kommen, nur weil sie dort reserviert haben (absagen sollte man natürlich schon, denn es könnte bei der Anreise/Aufstieg was passiert sein). Es passieren dennoch genügend Unfälle mit Todesfolge aus Selbstüberschätzung im Gelände bei widrigen Bedingungen (siehe vorherigen Blogeintrag). Also ja: bitte habt Angst, denn die obige Matrix könnte auch so aussehen:

Meteorologen sagen Schönwetter voraus, um Hüttenwirte nicht zu verärgern. Es kommt aber Schlechtwetter und bringt die Gäste bei Aufstieg oder weiteren Touren in Lebensgefahr. Das kann nicht der Sinn einer Wetterprognose sein! Und auch ich als Meteorologe könnte mit einer wissentlichen Fehlprognose nicht leben, wenn sie mehr als eine Person dadurch in Gefahr gebracht hat. Berge zeigen zum Glück nur ein geringes Fluchtverhalten, Hütten stehen gerade in hochalpinem und anspruchsvollem Gelände auch bei Schönwetter noch da.

In einem gebe ich den Hüttenwirten aber Recht, weil ich es selbst schon beobachten konnte: Eine ganze Gruppe von Tagesgästen belagert die Hütte. Plötzlich zieht ein kurzer Regenschauer durch, es schüttet für zehn Minuten. Fluchtartig verlassen alle die Hütte und eilen ins Tal hinunter. Es fehlt an Geduld und das hängt – wie oben erwähnt – mit mangelnder Kompetenz beim Interpretieren der Prognose zusammen. Bei einem drohenden Wettersturz ist Eile sehr wohl angebracht. Bei einzelnen Schauern kann man dagegen durchaus die Muße erlernen, sitzenzubleiben, abzuwarten und danach wieder die Sonne genießen.

Und ebenfalls ja: Sofern keine Unwetter angekündigt sind und man Wandern bei widrigen Bedingungen gewohnt ist, steht auch einer Hüttentour bei Schlechtwetter nichts im Wege. Gerade ein Sommer wie 2016 oder zuvor 2014 zeigt, dass man gar nicht mehr in die Berge gehen dürfte, wenn Schönwetter Voraussetzung wäre. Es gibt aber Schlechtwetter, bei denen Bergtouren für unerfahrene oder nur gelegentliche Wanderer (und auf die zielt der Artikel ab) ein No-Go sind: Dazu zählen verbreitet auftretende Gewitter und der Wetterumschwung. Gutartiges Schlechtwetter sind dagegen „einzelne Schauer“, Regen ohne dauerhafte Sichttrübung oder Übergang in Schneefall oder allgemein niedrige Temperaturen – immer abhängig von den eigenen Fähigkeiten und nicht nur von der Ausrüstung!

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