Wetter-Apps bringen Unglück

biwakschachtel

Ein Schneeschuhgeher bricht am letzten Tag vor dem großen Wetterumschwung auf, um zu einer Biwakschachtel in den Loferer Steinbergen aufzusteigen. Wie zuletzt berichtigt wurde, handelte es sich nicht um einen Berliner, sondern um einen Oberbayern aus Traunreut. Der Ort liegt knapp 40km Luftlinie vom Unglücksort entfernt. In sämtlichen Zeitungsberichten wird der Mann gefeiert und gelobt, weil er sich richtig verhalten habe und sich nach mehreren Tagen hat retten lassen statt alleine abzusteigen.

Schuldfrage geklärt?

Zur vom Polizeibericht und nachfolgend von der APA übernommenen Aussage:

„Er meinte auch, dass die Wetter-App, welcher er auf sein Handy geladen hatte, das total falsche Wetter angezeigt habe.“

Was mich an der Berichterstattung maßlos empört, ist die kritiklose Übernahme dieser Behauptung. Offenbar hat niemand nachgefragt, welche App er benutzt hat und vor allem, warum er weder den Wetterbericht des Alpenvereins und des örtlichen Lawinenwarndiensts noch überhaupt irgendeinen Wetterbericht gelesen oder gesehen hat.

Der Aufstieg fand am 15. Jänner statt – das war unmittelbar vor Beginn der schneereichen und windigen Nordwestwetterlage, die in allen Medien angekündigt wurde. Ausgerechnet die Loferer Steinberge sind eine sichere Bank für ergiebige Neuschneefälle. Der an sich ortskundige Wanderer hätte wissen müssen, dass die Biwakschachtel am unteren Ende eines Kares liegt, das von drei Seiten von steilen Hängen umgeben ist (siehe Karte oben).

Mythos Punktprognose

Um es ein für alle Mal klarzustellen: Punktprognosen sind im Gebirge nahezu unmöglich! Völlig egal, was die Bewerber einer App behaupten mögen. Mit einem Wolke-Sonne-Niederschlagssymbol für einen bestimmten Zeitraum oder gar einen ganzen Tag lassen sich keine komplexen Wetterabläufe darstellen, geschweige denn in einem stark zergliederten Terrain wie den Nördlichen Kalkalpen. Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen der realen Topographie (= Darstellung auf einer Wanderkarte) und der Topographie eines Wettermodells (= Darstellung auf einer Vorhersagekarte), das viel weitmaschiger ist und etliche Täler und Gipfel nicht in der erforderlichen hohen Genauigkeit auflösen kann. Die Wetter-Apps errechnen sich jedoch aus einem Punkt innerhalb eines Wettermodells. Dieser Punkt muss nicht zwangsläufig dem Ort entsprechen, den man eingegeben hat. Es kann sich auch um einen Punkt im Tal handeln oder von der nächstgelegenen Wetterstation, die auf der falschen Höhe und irgendwo in einem Windloch liegt.

Ein weiteres Problem der App ist, dass es sich bei den zur Verfügung gestellten Daten um sogenannten DMO handelt – direct model output. Das kommt direkt aus dem Modell, ohne Überprüfung, ohne Filter. Im Gegensatz dazu ist der Wetterbericht eines menschlichen Meteorologen die Interpretation der Daten, also gefilterte Daten. Die Wettervorhersage ähnelt hier (gutem) Journalismus – es wird herausgefiltert, was wichtig und unwichtig, was falsch und was unwahrscheinlich ist, und heraus kommt ein Qualitätsprodukt. DMO liefert keine Interpretation der Gewittergefahr, der Art der Gewitter, über lokale Windeffekte wie Flaschenhals und Föhn oder lokale Verstärkung durch Stau oder eingelagerte Schauer. Es geht vieles verloren, was die moderne Wettervorhersage heutzutage leisten könnte. Es ist geradezu paradox: Noch nie gab es so hochaufgelöste Wettermodelle wie im Jahr 2018 und noch nie wurde davon so wenig Gebrauch gemacht wie seit der Erfindung der Wetterapps! Und warum? Weil Geiz geil ist. Weil alles kostenlos sein muss. Im schlimmsten Fall bleibt ja immer noch der Hubschrauber – wen juckt es da, wenn sich dafür die Bergretter selbst in Lebensgefahr geben müssen? Die Versicherung zahlt am Ende.

Richtiges Vorgehen

Meteorologen aus Fleisch und Blut, die die Rohdaten interpretieren, lassen zugleich ihre Erfahrung und Ortskenntnis miteinfließen. In einem Text oder einer telefonischen Auskunft lassen sich Unsicherheiten viel besser ausdrücken als in ein paar bunten Symbolen. Ebenso kann man zusätzliche Angaben unterbringen wie Lokalerfahrung bei bestimmten Wetterlagen oder aktuelle Bedingungen.

Wer Internetempfang hat und seine App abrufen kann, der kann genauso gut auf Textprognosen zugreifen, z.b….

  • vorher Infos über den Lawinenwarndienst einholen, aktueller Warnlagebericht und falls vorhanden, Tourenforen (z.B. bei Lawinenwarndienst Salzburg oder Steiermark), wo zeitnah Bilder und aktuelle Bedingungen zu Schneeprofilen und Lawinenrisiko eingestellt werden.
  • Alpenvereinswetter und Bergwetter (z.B. von der ZAMG, ORF oder Bergfex) liefern ebenso gute Anhaltspunkte. Wenn es einen Wettersturz gibt, dann steht es dort.
  • bei markanten Wetterumschwüngen wie Mitte Jänner hätte bereits ein gewöhnlicher Wetterbericht gereicht. Vielleicht nicht von einschlägigen Boulevardzeitungen („Todes-Schneekomet sorgt für Weltuntergang, Hamsterkäufe drohen“).
  • den Hüttenwirt kontaktieren, sofern Hütten offen haben, er weiß am besten Bescheid über die aktuelle Schneelage.
  • den Unterkunftgeber im Tal (oder generell an der Urlaubsdestination) kontaktieren. Wenn eine App dichten Nebel 2km von der Küste entfernt zeigt, muss das noch lange nicht stimmen. Meist ist Küstennebel nur an der Küste (mit auflandigem Wind), im Binnenland ist herrlichster Sonnenschein. Das gilt etwa auch für Hochtäler, wenn die Wetterapp als nächsten Bezugspunkt einen niedriger gelegenen Talort heranzieht. Im Hochtal scheint die Sonne, im Talort herrscht Nebel.
  •  schadet auch ein Blick auf das Flugwetter nicht, das für Nordalpen, Südalpen und Alpenvorland geschrieben wird, sofern man mit etwas fachlicheren Informationen etwas anfangen kann.

Wer auf diese Weise vorgeht, wird sicherlich erst gar nicht zu einer so riskanten Schneeschuhtour wie in den Loferer Steinbergen aufbrechen, weil der gesunde Menschenverstand dagegenspricht. Noch einmal: Es handelte sich hier nicht um ein unerwartetes, überraschendes Wetterereignis, sondern um eine gut prognostizierte Wetterlage mit erwartbaren ergiebigen Neuschneemengen.

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