Sturm YULIA auf PETRAS Spuren

9z

Sturmtiefentwicklung YULIA im Wellenstadium, 23.02.2020, 10 Uhr Lokalzeit

Die prognostizierte Zugbahn von Sturm YULIA ist ähnlich zu jener von Sturm PETRA am 04. Februar 2020, aber rund 200km nördlicher. Im obigen Satellitenbild vom Vormittag sieht man eine ausgeprägte Verwellung mit Warmfrontband über Norddeutschland, wo es zu kräftigen Regenfällen kommt. Die Kaltfront ist noch wenig ausgebildet. Die Jetachse wird durch die gerippten Strukturen innerhalb der Cirrusbewölkung angedeutet, dies deutet auf Schwerewellen und schwere Turbulenzen hin. Entscheidend ist das im weißen Kasten, das mit „kalter Förderband“-Zyklogenese tituliert ist. Dort sieht man nördlich der hochreichenden Schichtbewölkung tiefe flächenhafte Bewölkung. Sie schwimmt auf der kalten Seite des Jetstreams mit und wird sich am Abend zunehmend gegen den Uhrzeigersinn eindrehen. Es handelt sich also um die spätere Okklusionsfront. Das alleine wäre nicht besonders, aber ist insofern bemerkenswert, da es sich um eine Warmfrontwelle handelt. Diese hat sich von der Warmfront des nachrückenden Sturmtiefs ZEHRA abgespaltet, das am Montag von den Britischen Inseln her nachfolgen wird. Dennoch ist im Reifestadium nicht die Warmluft dominant, sondern die Kaltluftbewölkung, aus der die Okklusion geformt wird. Im derzeitigen Übergangsbereich zwischen Kaltluftbewölkung und Jetbewölkung wird sich am Nachmittag und Abend sukzessive sehr trockene Luft stratosphärischen Ursprungs wie ein Keil hineinschieben (Dryslot) und die Tiefdruckentwicklung intensivieren. Dennoch vertieft sich YULIA lediglich um rund 10 hPa auf 991 hPa.

Was macht das Sturmtief also so gefährlich?

1. Es zieht sehr schnell, weil es mit dem Jetstream mitschwimmt. Damit ändert sich der Luftdruck zeitlich schnell und diese, sogenannte isallobarische Druckänderung ist für den Wind entscheidend.

2. Von den Brextinseln rückt rasch das nächste Sturmtief nach. Zum Zeitpunkt des stärksten Windfelds über dem Nordosten von Österreich verstärkt sich bereits ein Tief vor Irland. Mit dem eingelagerten Zwischenhoch steigt der Luftdruck bei uns rasch an.

3. Die Alpennordseite befindet sich im stabil geschichteten Warmsektor. Das begünstigt Föhneffekte und damit kann der kräftige Höhenwind auch ohne Schauerniederschlag zum Boden transportiert werden. Das wird wahrscheinlich schwerpunktmäßig wie bei PETRA im Mühl- und Waldviertel passieren, sowie am Alpenostrand. Außerdem ist die Luftmasse nach Abzug der vorausgegangenen Kaltfront bereits gut durchmischt gewesen, es gibt keine störende Inversion, die ein Herabmischen dämpfen könnte, bzw. kein Niederschlag und im Gegenteil sogar etwas Sonneneinstrahlung.

4. Bei gleichem Druckgradienten weht der Wind in Hochdrucknähe stärker als in Tiefdrucknähe. Das erklärt den stärkeren Höhenwind als bei PETRA, so werden selbst in 3000m Seehöhe am Abend 150 km/h im Mittel erreicht. Manche Modelle rechnen für den Gitterpunkt am Schneeberg Spitzen zwischen 200 und 250 km/h. Ähnliche Windspitzen kann man auch am Göller, auf der Hochfläche der Rax (Scheibwaldhöhe, Dreimarkstein) und Schneealpe sowie am Ötscher und Dürrenstein erwarten, zumindest zwischen 160 und 200 km/h. In den Niederungen verbreitet 90-110 km/h, in Teilen des Mühl- und Waldviertels sowie zwischen Ternitz und Wien sind über 120 km/h möglich. Hier werkelt vor allem der Westföhn.

Auffallend übrigens, wie ruhig die Medien dieses Mal rund um das Sturmtief sind. Bei Sturmtief SABINE am 10.02.2020 gab es zumindest in Österreich einen übertriebenen Hype vor den Auswirkungen, in Deutschland waren die Vorkehrungen (deutschlandweit eingestellter Bahnverkehr) großteils berechtigt.

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cosmo-09z-Vorhersage für Sonntagabend, 21z, 850 hPa Wind (ca. 1500m, kt)

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COSMO-09z-Vorhersage für Sonntagabend, 21z, 925 hPa Wind (ca. 600m, kt)

Die Windvorhersagekarten aller Modelle raten zur allergrößten Vorsicht. Der Höhenwind erreicht in Niederösterreich verbreitet 70-80kt, am südlichen Alpenostrand sogar um 90kt. Das entspricht 160 hkm/h im Mittel! In 600m, also etwa Höhe Anninger erreicht der Höhenwind immer noch um 60kt, also 110 km/h im Mittel. Der Höhepunkt wird zwischen 19 Uhr und 24 Uhr Lokalzeit erreicht, und zwar vor der Kaltfront.

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COSMO-09z-Vorhersage für Sonntagnacht, 00z, CAPE-Werte (J/kg)

Die Kaltfront selbst zeichnet sich als schmales Band mit erhöhten CAPE-Werten ab, zumindest kräftige Schauer sind mit dabei, nördlich der Donau einzelne Gewitter nicht ausgeschlossen.


Update, 22.40 MEZ:

Bis 21.00 entsprachen die Spitzenböen meiner Vorhersage:

  • Schneeberg (NÖ): 250 km/h
  • Veitsch (Stmk): 190 km/h
  • Eismauer/Hochschwab (Stmk): 180 km/h
  • Feuerkogel (OÖ): 172 km/h
  • Blaseneck (Stmk): 170 km/h
  • Trinkstein/Rax (NÖ): 170 km/h
  • Ötscher (NÖ): 160 km/h

Im Flachland wurden bisher verbreitet Spitzen zwischen 80 und 100 km/h gemessen. Spitzenreiter ist bisher Wiener Neustadt mit 107 km/h (Stand: 22 Uhr)

20z

RGB am Sonntag, 23.02.20, um 21 Uhr MEZ

Sturmtief YULIA liegt über Polen. Vor Irland entwickelt sich ZEHRA. Wie eine Nabelschnur verbindet ein dünnes längliches Band in Cirrusniveau beide Tiefdrucksysteme, es markiert die Jetstream-Achse. Auf der kalten Seite liegt YULIA, die Okklusion verläuft über mehrere hundert Kilometer nahezu strömungsparallel zur Kaltfront. Diese lässt sich in zwei Bereiche gliedern: Einen aktiven Teil unter Höhenkaltluft mit hochreichend konvektiver Bewölkung und eingelagerten Gewittern über Polen, und einen schwächeren Teil über Süddeutschland und Tschechien ohne Blitzentladungen, zwar immer noch eine ansehnliche Linie, aber auf der warmen Seite des Jetstreams zunehmend strömungsparallel nach Süden wandernd und dadurch abschwächend.

Über Tschechien noch linienhaft …

cz2

Radarbild von Tschechien um 22.15 Uhr MEZ, Quelle: http://portal.chmi.cz/files/portal/docs/meteo/rad/data_jsradview.html

Über Deutschland zunehmend flächiger Niederschlag ….

Wolkenfrei dagegen die Alpensüdseite. Die Abendtemperaturen sind in jeder Hinsicht bemerkenswert. In Innsbruck um 22 Uhr MEZ Westföhn mit 20,0°C. In Sopron +20,7°C. An der Alpensüdseite in windgeschützten Tallagen bereits örtlich frostig, mit durchgreifendem Nordföhn bis 17°C.

Der Kaltfrontteil, der auf der warmen Seite des Jets liegt, geht nun nahtlos in die Warmfront von Sturmtief ZEHRA über. Gegen 07 Uhr in der Früh hat die Kaltfront dann den südlichsten Standort erreicht, sie reicht etwa von Salzburg bis Graz. Ab da wird sie wieder rückläufig alias in eine Warmfront umgewandelt. Viel Niederschlag bringt die dann nicht mehr, aber der Bodenwind wird vom Höhenwind entkoppelt und der Sturmspuk ist endgültig vorbei – naja, vorübergehend. Sturmtief ZEHRA geht nördlicher vorbei und fällt deutlich schwächer aus als YULIA.

Update, 24.02.2020:

121 Seibersdorf, Podersdorf
115 Reichenau/Rax
112 Schwechat-VIE, Achenkirch
111 Eisenstadt
109 Pottschach-Ternitz, Weyer, Melk
108 Bruckneudorf
107 Wien Unterlaa, Wiener Neustadt
106 Aflenz

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