Falter: Einfluss meteorologischer Faktoren auf das Virus

Hier könnte stehen, wie wenig die Medien über die Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung schreiben, dass Brasilien im Schatten des Coronavirus die Abholzung des Regenwalds um 50% gesteigert hat, dass die ersten drei Monate in Osteuropa um drei Grad zu warm ausfielen, dass in weiten Teilen Mitteleuropas bereits extreme Trockenheit herrscht, die unter anderem auch die gefährlichen Waldbrände rund um Tschernobyl verursacht. Stattdessen zitiere ich den FALTER ….

falter

7 Sachen, die Sie über SPORT und CORONA nicht wussten, FALTER-Ausgabe vom 15.04.2020

Das Problem ist, dass die zitierte Studie aus Belgien und den Niederlanden keine Empfehlung von Virologen und Epidemologen ist, sondern von Aerodynamikern und Technikern. Bei der Verringerung der Ausbreitung des Virus geht es aber um Risikominimierung und nicht Risiko auf Null setzen. Es geht auch um eine interdisziplinäre Betrachtung, also nicht nur um eine Verringerung von Infektionen und Todesfällen durch Covid19, sondern auch um eine Verringerung der *normalen* Ursachen für Erkrankungen und Todesfällen. Mit anderen Worten, wenn man alles verbietet oder durch die besagten Regeln deutlich erschwert, könnte der Schaden größer als der Nutzen sein. Die Kollateralschäden scheinen aber bequemerweise nicht in der Covid19-Statistik auf.

Der FALTER schreibt, dass die potenziell ausgeatmeten Viren eine Zeit lang in der Luft schweben, bevor sie absinken und man nicht in den „Atemschatten“ geraten sollte, der ähnlich wie der Windschatten sei. Je schneller man unterwegs sei, desto größer müsse der Abstand sein, beim Radfahren zwanzig Meter – was in der Stadt natürlich schwer einzuhalten ist.

Problem des zitierten Artikels: Es handelt sich um Simulationen, nicht um eine Studie eines tatsächlichen Ereignisses. Der Autor Bert Blocken selbst betont, dass die von zahlreichen Medien abgeleitete Schlussfolgerung, dass Spazieren, Gehen und Radfahren das Virus verbreiten und man mit diesen Aktivitäten aufhören solle, „eine sehr wilde Extrapolation unserer Studie“ sei.

Quelle: https://soigneur.nl/stories/how-in-times-of-covid-19-you-can-safely-ride-your-bike-a-conversation-with-professor-bert-blocken/

Fast noch wichtiger ist ein einzelner Satz in dem Artikel:

It should be noted that Professor Blocken’s research has not yet accounted for crosswinds.

Seitenwinde wurden in den Modellsimulationen nicht berücksichtigt. Gerade in einer Stadt wie Wien kommen signifikante Bodenwinde aber besonders gehäuft vor im klimatologischen Mittel, vorzugsweise aus Südosten und Nordwesten, aber auch rein aus Westen. Eine Radfahrt ohne nennenswerten Wind erlebt man selten, durch Kanalisierungen, Geländekanten und Gebäudeverwirblungen kommt er relativ oft von der Seite. Schon das führt die Annahme eines konstanten Wind/Atemschattens („slipstream“) ad absurdum.

Kritik gab es auch von anderer Stelle, nämlich über die voreilige Übernahme der Ergebnisse der Studie, ohne vorher Virologen zu konsultieren:

Even if the simulations hold water and are accurate, virologists and experts should be the ones making public health recommendations, not random „entrepreneurs“ on Medium, which is what has happened because these simulations were not published with the specifics of how they were done or what they mean.

Es gab keine genaueren Angaben zu den Details der Studie, wie es gemacht wurde und was es bedeutet. Selbst wenn die Simulationen korrekt sind, sollten Virologen und Experten die Empfehlungen für die öffentliche Gesundheit abgeben. Deren Urteil ist eindeutig:

„On the epidemiology side—where the droplets are is much less relevant than the amount of transmission that occurs via this route,“ Hanage said. „Advice on physical distancing is really about *reducing* the risk of transmission rather than eliminating it altogether.“

He said studies like this are „not really useful. Not to epidemiologists anyway. The amount of transmission from this route even if it is possible will be dwarfed by that from others.“

Übersetzt: Unter epidemologischen Gesichtspunkten spielt es viel weniger eine Rolle, wo sich die Tröpfchen befinden als die Menge an Übertragungen, die auf diesem Weg stattfinden. Die Ratschläge zum Abstand halten beziehen sich wirklich darauf, das Risiko einer Verbreitung zu verringern als sie insgesamt zu verhindern. Studien wie diese seien nicht wirklich hilfreich, zumindest nicht für Epidemologen. Die Häufigkeit an Übertragungen über diese Situationen, selbst wenn sie tatsächlich stattfinden, verblasst neben anderen Übertragungswegen.

In a footnote on the white paper, Blocken admits “currently the subject of intensive debates between scientists world‐wide—is to what extent the residue of micro‐droplets with the virus, after evaporation, still carries an infection risk.

In einer Fußnote gibt Blocken zu, dass unter Wissenschaftlern intensiver Klärungsbedarf herrscht, in welchem Ausmaß Reste von winzigen Tröpfchen mit dem Virus, selbst nach Verdunstung, immer noch ein Infektionsrisiko mit sich bringen.

Die Faktoren Viruslast und Verbreitung spielen weder im Paper noch im Interview, das Blocken einer belgischen Zeitung gab, eine Rolle.

Was sagen Virologen?

Prof. Hartmut Hengel von der Gesellschaft für Virologie (GfV) kommt zur Einschätzung, dass die bestehenden Abstandsregeln von 1,5-2 Metern ausreichen und kein Sport in Gruppen stattfinden soll. Zudem sei nicht bekannt,

„ob und wie häufig COVID-19 über die Luft – also über kleinste Tröpfchenkerne, genannt Aerosole, die vom Infizierten aus- und einem anderen eingeatmet werden – übertragen wird. Dieser Infektionsweg durch Einatmen ist nicht auszuschließen, jedoch ist der hauptsächliche Übertragungsweg nach jetzigem Stand immer noch die Tröpfcheninfektion, bei der also beim Husten und Niesen Tröpfchen entstehen und beim Gegenüber über die Schleimhäute (Nase, Mund, Auge) aufgenommen werden. Hinzu kommt: Im Freien – also beim Laufen, Joggen, Fahrradfahren an der frischen Luft – herrschen Bedingungen, die eine Übertragung eher erschweren: Die (ausgehustete oder ggf. ausgeatmete) Viruslast wird in der Luft rasch verdünnt und es herrscht meist ein gewisser Wind, wodurch die winzigen infektiöse Partikel rasch verweht werden.

Quelle: https://www.tour-magazin.de

Und der Bremer Virologe Andreas Dotzauer:

Ich habe keine große Kritik an dieser Studie. Aber, wie die Autoren selbst sagen: Es ist unter idealisierten Bedingungen durchgeführt worden. Es fehlt zum Beispiel: Was passiert, wenn ein starker Wind in eine bestimmte Richtung weht? Oder wie beeinflusst die Luftfeuchtigkeit das Ergebnis?

Quelle: https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/wissen/interview-virologe-bremen-dotzauer-studie-abstand-runner-fahrrad-100.html

Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, weist im Podcast „Coronavirus-Update“ des NDR zudem darauf hin, dass sich die Virusmenge, die jemand mit Corona-Infektion ausatmet, an der frischen Luft schnell verdünnt, etwa durch den Wind. Ob sich Viren auch über Partikel in der Luft verbreiten, sei also eher eine Frage in Innenräumen.

Quelle: https://www.morgenpost.de/vermischtes/article228814417/Coronavirus-Kann-ich-mich-bei-anderen-Joggern-anstecken.html

 

Der Benefit von Bewegung im Freien überwiegt jedenfalls nach einhelliger Meinung dem geringen Infektionsrisiko.

Ein Artikel über die Gefahren von „superspreading events“ (Ereignisse, bei denen eine einzelne Person eine Vielzahl an Personen infiziert, abgekürzt mit SSE) zeigt auf, dass nicht bekannt ist, ob und wie häufig SSEs bei symptomfreien Infizierten auftreten.

However, the CDC authors do note that there were no known examples of an SSE being traced to asymptomatic individuals during the SARS epidemic of 2002-2003

Auch während der SARS-Epidemie von 2002-2003 gab es keine bekannten Beispiele von SSE bei symptomfreien Personen. Die Studienautoren betonen, dass es Energieverschwendung sei, Parks und Naturreservate zu schließen, da selbst Covid-19-Verbreitung im Freien nicht effektiv sei.

„Rapid person-to-person transmission of COVID-19 appears likely to have occurred in healthcare settings, on a cruise ship, and in a church. In a study of 110 case-patients from 11 clusters in Japan, all clusters were associated with closed environments, including fitness centers, shared eating environments, and hospitals, [where] the odds for transmission from a primary case-patient were 18.7 times higher than in open-air environments.

Das Risiko einer Infektion in schlecht durchlüfteten Räumen mit Menschenansammlungen ist fast 19 mal höher als im Freien.

Einfluss meteorologischer Faktoren auf das Virus

„It was postulated that the indoor crowding effect is the main responsible of the high transmission rate of 2019-nCoV in Wuhan, China in the period January-February 2020.“

Bu et al. (2020): persistent warm and dry weather is conducive to the survival of the 2019-nCoV and postulated that temperature ranging 13-19 °C and humidity ranging 50-80% are suitable conditions for the survival and transmission of coronavirus.“

Quelle: https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.03.19.20039164v1

Ein Temperaturbereich von 13-19°C und relativen Feuchten von 50-80% sind demnach förderlich für das Überleben und die Verbreitung von Covid19.

Ein systematischer Review von Mecenas et al. (Preprint, 14.04.) hat 517 Artikel gefunden, 17 erfüllten die qualitiativen Kriterien. Schlussfolgerung: Kalte und trockene Bedingungen scheinen die Verbreitung des Virus zu begünstigen, warme und nasse zu verringern. Die Beweislast ist gering und die Variablen Temperatur und relative Feuchte alleine können die große Variabilität bei der Übertragung nicht erklären.

Eine neuere Studie vom 16. April (Preprint) hat den Zusammenhang von Durchschnittsalter der Bevölkerung und Wettereinfluss verglichen. Die Schlussfolgerung hierbei: Zu Beginn der Pandemie sorgen höhere Temperaturen und geringeres Durchschnittsalter noch für eine Verlangsamung der Ausbreitung, in späteren Stadien hat beides keinen Einfluss mehr.

Zurück zum Aerodynamiker Blocken:

Um ihre Frage konkreter zu beantworten: Es ist ein großer Unterschied jemanden zu überholen und sich nur kurz im Windschatten aufzuhalten oder sich vier Stunden bei einem Lauf oder einer Fahrradtour im Windschatten einer anderen Person zu befinden. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/joggen-in-der-coronazeit-halte-mehr-abstand-als-du-es.1346.de.html?dram:article_id=474566

Das wird von Sportminister Kogler, der kommenden Montag die neuen Abstandsregeln (eins zu eins aus der idealisierten Simulation von Blocken) bekanntgibt, hoffentlich differenziert, dass dies nicht fürs Überholen oder kurz im Windschatten aufhalten gilt, sondern vor allem für signifikante Zeiträume (und selbst da ist ungewiss, ob die Viruslast ausreicht, weil der Seitenwind in den Simulationen nicht berücksichtigt wurde!). Sonst wird man künftig deppert angefeindet, wenn man aufgrund Platzmangel knapp überholen oder ein paar Sekunden knapp hinter einem anderen Radfahrer fahren muss.

Fazit: Das Ansteckungsrisiko im Freien ist viel geringer gegenüber engen Kontakten in geschlossenen Räumen über längere Zeit. Frischluftzufuhr verdünnt die Virenkonzentration, nicht umsonst sollen kranke Menschen zuhause sowie in den Spitälern häufig die Fenster öffnen zum Lüften. Bewegung stärkt das Immunsystem, das Sonnenlicht fördert die Vitamin-D-Produktion, die ebenso das Immunsystem stärkt. Aber solche unreflektierten Aussagen, die noch dazu aus dem Zusammenhang einer idealisierten Simulation gerissen werden, sind eher schädlich und befeuern den sozialen Druck, sich im Freien überkorrekt zu verhalten, was die Motivation hinauszugehen verringert.

2 Gedanken zu „Falter: Einfluss meteorologischer Faktoren auf das Virus

  1. Franz Zeiler

    Servus Felix,
    sehr gute Recherche und Bewertung. Das Fazit unterschreibe ich zu 100%!
    Passt im Wesentlichen auch zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen eines befreundeten Virologen.
    Ich habe die undifferenzierten Ausgangsregeln der Politik eigenverantwortlich für mich interpretiert, absolut verordnungskonform beim „social distancing“, großzügiger bei den Ausgangszeiten an der frischen Luft, dabei niemanden geschadet oder gefährdet und mit diesem Zugang für mich einen „Kollateralschaden“ vermieden.
    Die erste gemeinsame Mountainbiketour mit einem Freund seit dem „shutdown“ unternahm ich erst am Sa, 2.5.
    Ich hoffe, du konntest trotz allem einige Wanderungen durchführen.
    LG, Franz

    Antwort
    1. Felix Autor

      Servus Franz, freut mich von Dir zu lesen und danke für die Bestätigung. Ich war natürlich auch unterwegs, mit Rad und zu Fuß. Ohne Bewegung in der Natur hätte ichs nicht geschafft. Lg, Felix

      Antwort

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