ORF: Kraut und Rüben

Vorab: Ich schätze den zitierten Meteorologen Pistotnik als einer der kompetentesten Meteorologen von Österreich ein und bin daher überzeugt, dass seine Erläuterungen hier zum Teil in einem irreführenden Kontext eingeflochten wurden. Die Botschaft vom ORF verfolgt derzeit ein klares Ziel: Es gibt kein normales Wetter mehr, sondern nur noch Unwetter und heftige Unwetter. Und die Ursache ist immer der Klimawandel. Aber ganz so ein einfach ist es nicht, denn Wetter ist ungleich Klima, das gilt selbst in Zeiten der Klimaerwärmung. Niederschlag ist per se der Parameter mit der höchsten Variabilität und am schwierigsten flächendeckend zu messen mit einer Vielzahl von Einschränkungen. Starkniederschlag, der von konvektiven Wolken (Schauer, Gewitter) verursacht wird, macht eine statistische Aussage noch schwieriger. Für die Gewitterentstehung ist die relative Luftfeuchte nur eine Zutat, es braucht zusätzlich eine instabile Atmosphäre sowie Hebungsantrieb, damit konvektive Wolken soweit aufsteigen können, dass sie die Eisphase erreichen.

In dem ORF-Artikel über die zunehmenden Unwetter durch den Klimawandel gerät leider einiges durcheinander, was ich im Folgenden klarstellen möchte:

Heftige Unwetter werden mehr

Das fängt mit der Überschrift an. Offiziell gibt es keine Definition schwerer, heftiger oder gar extremer Unwetter. Denn bereits der Begriff Unwetter ist subjektiv und lässt sich nicht in Zahlen oder fest definierte Auswirkungen pressen. Wenn Dir während einem Gewitter ein Ast auf den Kopf fällt, wars ein Unwetter, obwohl der Ast vielleicht morsch war und es gar nicht viel Wind bedurft hatte, um ihn brechen zu lassen. Für den einen ist alles ein Unwetter, wo Hagel mit dabei ist, für Meteorologen gehört das aber zur natürlichen Schwankungsbreite.

Unwetter, Hagel und sogar ein Tornado – der Klimawandel ist zuletzt deutlich zu spüren gewesen. Quer durch Niederösterreich waren mehr als 1.000 Feuerwehrleute im Einsatz. Laut Klimaforschern werden solche Ereignisse häufiger und können sich sogar selbst verstärken.

Hier wird zusammengeworfen, was nicht zusammengehört. Tornados gab es in Österreich schon immer und sie werden auch nicht häufiger. Die Anzahl ist sogar die letzten Jahre eher abnehmend, weil die Wetterlagen seltener auftreten, bei denen die optimalen Bedingungen vorhanden sind. Auch Hagel ist kein Phänomen der Klimaerwärmung, weder die Mengen noch die Größe. In der ESWD-Datenbank ist z.b. ein Gewitter mit 9cm großem Hagel vom 01.August 1951 bekannt (Reutte/Tirol). Bei 3cm Hagelgröße handelt es sich um eine eher durchschnittliche Größe. Erst ab 4cm muss man mit nennenswerten Schäden an Gebäuden oder Autos rechnen. Bei kleineren Größen kommt es zu Schäden in der Landwirtschaft, wenn sehr viel davon fällt, kann die Kanalisation verstopfen. Und nein, Tornados können sich nicht selbst verstärken.

[…]

Gewitterarmer Saisonstart

Der Grund für solche lokale, aber sehr heftige Unwetter ist laut Klimaforschern der Klimawandel – auch wenn es heuer bisher ungewöhnlich wenige Gewitter gab. Bis Anfang Juni registrierte das Österreichische Blitzortungssystem ALDIS nur etwa 7.000 Blitzeinschläge in Österreich. Im Jahr 2018 gab es zum Vergleich im selben Zeitraum etwa 52.000 Blitzeinschläge. Eine Untersuchung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigt jedoch eine Zunahme des Unwetterrisikos. Und die Unwetter werden stärker.

Die Vorgeschichte ist auch nicht unwichtig, denn wenn es monatelang kaum starke Gewitter gibt, fallen die ersten stärkeren Gewitter der Saison umso mehr auf. Im Mai gab es österreichweit nur einen Hitzetag (mehr als 30°C), die Luftmasse hat insgesamt kaum Potential für starke Gewitter hergegeben. Hier besteht also auch ein subjektiver Bias.

Vorsicht vor der Interpretation. Ganz oben steht, die Unwetter würden häufiger, unten heißt es jedoch, dass das Risiko zunimmt, aber nicht die Anzahl, denn…

Durch die wärmere Luft könnten Wolken etwa mehr Wasserdampf aufnehmen, sagt ZAMG-Experte Georg Pistotnik – mit jedem weiteren Grad um sieben Prozent – wodurch die Niederschläge intensiver werden. Die Kondensation von Wasserdampf setzt zudem große Energiemengen frei, die den Auftrieb in Gewitterwolken verstärken.

Das sind zwei von drei Faktoren, die für Gewitter notwendig sind: Feuchte und Labilität. Dann fehlt der dritte Faktor: Hebung. Wenn also Wetterlagen mit genügend Hebung häufiger werden, und die Luftmasse wärmer ist also normal und feuchter als normal, dann werden auch die Gewitter stärker als normal. Viele Bedingungen, die erst einmal zusammentreffen müssen. Meine Analyse von den angesprochenen Unwettern hat gezeigt, dass der absolute Feuchtegehalt überdurchschnittlich war, für intensive Niederschläge mit derartigen Auswirkungen braucht es aber noch mehr: Eine geringe Verlagerungsgeschwindigkeit.

Und durch die abnehmenden Temperaturunterschiede zwischen Äquator und Nordpol schwächen sich die Winde in der Atmosphäre ab, die Gewitterwolken ziehen also nicht so schnell weiter.

Nein, das ist so unzutreffend. Die Aussage über die Abschwächung des Jetstreams betreffen das Starkwindband, das sich um die Nordhalbkugel zieht, ein globales Phänomen (Skala 6000km). Gewitter entstehen hingegen auf lokaler Ebene (Skala 1-5km). Selbst bei einem schwachen Jetstream können immer noch ausreichend starke Höhenwinde vorhanden sein, dass sich Gewitter rasch verlagern.

soundings

Höhenwinde (rot) an allen Unwettertagen

Der Tornado entstand an einem Tag mit kräftigen Höhenwinden, auch die starken Gewitter am Folgetag. Das Unwetter im Waldviertel mit 3cm Hagel und Überflutungen war ebenso an kräftige Höhenwinde gebunden. Selbst die Gewitter im Most- und Waldviertel hatten eine signifikante Zuggeschwindigkeit. Da war also Dynamik im Spiel, das unterscheidet sie von Wetterlagen in Jahren wie 2014,2016,2017, also Gewitter mehrere Stunden im gleichen Gebiet niederregneten. In meinen Augen ein Ereignis innerhalb der natürlichen Variabilität.

[…]
Der Klimaexperte stellte jedoch fest, dass die Feuchtigkeit aus dem Boden bei der Gewitterbildung eine erhebliche Rolle spielt: „Sind die Böden bereits feucht, steigt die Neigung zur Bildung von Regenschauern und Gewittern. Gerade bei Wetterlagen mit geringen Luftdruckgegensätzen reagieren Sommergewitter sehr deutlich auf die lokale Verdunstung.“ Solange dieses Muster nicht durch eine andere Wetterlage nachhaltig unterbrochen werde, könnten sich feuchte Wetterphasen – genauso wie trockene bei wenig Niederschlag – selbst verstärken und verlängern, sagt Klimaforscher Pistotnik.

Vor knapp sechs Wochen noch waren die Verhältnisse umgekehrt, nämlich die Böden alle extrem trocken. Die Rolle der lokalen Verdunstung ist seit langem bekannt unter dem Stichwort Evapotranspiration. Das mag die kräftigen Gewitter im Oberen Waldviertel erklären, die am Sonntag, 7.6., das zweite mal innerhalb von 24 Stunden getroffen wurden, nicht aber im Mostviertel, wo es erstmals derartig heftige Niederschläge gab.

Laut Pistotnik muss aber zwischen dem meteorologischen Risiko und den Auswirkungen und Schäden unterschieden werden: „Denn die zunehmende Versiegelung von Flächen und die Verdichtung des Bodens in landwirtschaftlichen Nutzflächen erhöhen den Anteil des Wassers, der sofort oberflächlich abfließt.“

Darauf habe ich in meinem letzten Eintrag auch hingewiesen.

Und die öffentliche Wahrnehmung derartiger Ereignisse sei höher als früher, sagt der Klimaforscher, „da mittels Smartphone binnen Sekunden Fotos und Videos in Sozialen Netzwerken geteilt und von den Medien aufgegriffen werden.“

Richtig. Das betrifft sowohl Großhagelereignisse, Sturzfluten als auch Tornados.

In den nächsten Tagen erwarten Meteorologen jedenfalls eine flache Druckverteilung mit warmer, schwüler Luft aus dem Osten. Diese Großwetterlage sei prädestiniert für Gewitter und dürfte für zumindest eine Woche anhalten. Dabei steigt auch die Gefahr von Überflutungen und Murenabgängen, vor allem in Regionen, die bereits von Gewittern betroffen waren: Einerseits kann der Boden weniger Wasser aufnehmen, andererseits fördert verdunstendes Wasser die neuerliche Bildung von Wolken und Regen.

Ja und Nein. Es fehlt die dritte Zutat, denn der Hebungsantrieb muss vorhanden sein. Bei flacher Druckverteilung sind das lokale Konvergenzzonen, naturgemäß oft die Böhmische Masse sowie die Voralpen und Randgebirgszzonen betreffend. Das muss nicht notwendigerweise die Region sein, wo es vorher schon exzessiv geregnet hat. Den die Lage der Konvergenzzonen hängt von der großräumigen Druckverteilung am Boden bzw. der Höhe ab.

Fazit: Die Anzahl der Wetterlagen mit unwetterartigen Ereignissen nimmt nicht zwingend zu, aber wenn sie auftreten, können die Niederschläge wegen der steigenden absoluten Feuchte und Energiegehalt der Atmosphäre heftiger ausfallen. Über Hagel und Tornados lässt sich hingegen kein längerfristiger Trend angeben – er hängt vor allem von den Bedingungen für Superzellengewitter ab, und diese werden unwahrscheinlicher, wenn die Höhenwinde im Mittel weiter abnehmen. Die Gewitter der ersten Juniwoche waren kein gutes Beispiel für die Folgen der Klimaerwärmung, bei allen Ereignisse herrschte eine nennenswerte Höhenströmung und damit Zuggeschwindigkeit vor, und somit eine vergleichsweise kurze Verweildauer einzelner Gewitterzellen. Für die Überschwemmungen verantwortlich war vor allem ein Effekt, der sich trailing development nennt – dabei regenerieren sich die Gewitterwolken entlang einer ortsfesten Bodenkonvergenz, sodass wiederholt Gewitter über dasselbe Gebiet ziehen können. Die einzige Auswirkung, die direkt auf die Klimaerwärmung zurückgeführt werden könnte, waren die 42 l/qm in 20 Minuten in Loosdorf, dort herrschten tatsächlich für die Jahreszeit überdurchschnittliche absolute Luftfeuchten vor.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s