Wien: Untypische Windverhältnisse für Gewitter

Am Sonntag, 14. Juni 2020, gewitterte es am frühen Nachmittag kräftig in Wien, nachdem es vormittags noch so aussah, als würde der Tag eher trocken verlaufen (Gewitterflop). Die Wettermodelle gingen allerdings weit auseinander, manche sagen den Nachmittag komplett trocken, andere von Südosten Schauer und Gewitter durchziehen.

Der Grund, weshalb ich mich dazu verleiten ließ, keine Gewitter anzunehmen: Es herrschte kräftiger Westnordwestwind am Boden und damit stabilisierende Absinkeffekte vom Wienerwald her. Der Wind erreichte bereits am Vormittag, rund sechs Stunden früher als erwartet, Spitzen bis 70 km/h. Schauer und Gewitter entstanden zunächst ausschließlich am Wienerwald und westwärts davon.

wiengewitter

Nun gibt es eine Konstellation, bei der trotz bodennahem Westwind Gewitter über Wien zustandekommen können: eine kräftige Südostströmung. Diese lag aber nur bedingt vor, der Wetterballonaufstieg von Wien um 14 Uhr (rechts oben) zeigte höchstens 15kt Südostwind in der Höhe, das reicht im Normalfall nicht aus, um den starken Westwind (um 14 Uhr: 40kt in 3km Höhe) darunter zu überwinden. Der Aufstieg zeigt aber noch reichlich potentielle Energie oberhalb von 2km Höhe bis zur Tropopause (ca. 12km), im Falle von genug Hebung waren Gewitter ohne weiteres möglich, man spricht dann von elevated convection (entkoppelter Konvektion), weil die Bodenschicht irrelevant ist.

Das bodennahe Windfeld (links oben) um 13 Uhr zeigte eine langgestreckte Bodenkonvergenz mit Westwind versus Ostwind von Tschechien über die mittlere Slowakei bis Ungarn reichend. Dort verlief auch die sogenannte surface heat axis, die wärmste und energiereichste Luftmasse, flankiert von etwas kühleren und stabileren Luftmassen. Hier entstanden immer wieder Gewitter, über der Slowakei und Ungarn regelrecht explosiv mit der Bildung eines großen Gewittersystems (Multizellencluster). Dieser wurde advektiv, also mit der Südostströmung, Richtung Ostösterreich verlagert. Im Vorfeld entstand das kurze Gewitter über Wien, vor allem mit starkem Regen, aber ohne Hagel. Hagelgewitter sind generell untypisch für elevated convection. Großräumig gesehen war Hebungsantrieb vorhanden, und zwar entlang eines schmalen, langgestreckten dunklen Streifens im Wasserdampfbild (rechts unten, 06 Uhr), der von Serbien über Ungarn und Slowakei bis in den Südwesten von Tschechien und das deutsche Vogtland reichte. Solche dunklen Streifen verkörpern Dellen in der Tropopause (Tropopausenfalten) und sind mit potentieller Vorticity (Hebungsmaximum) gefüllt. Sie bzw. die Wasserdampfgradienten selbst fungieren oft als Ausgangsorte für Schauer und Gewitter.

cluster

Wasserdampfbild zum Zeitpunkt des Gewitters in Wien, 14. Juni 2020, 15 Uhr

Entlang dieses Wasserdampfgradienten entwickelte sich der Multizellencluster über Slowakei und Ungarn (in Budapest gab es über vier Stunden lang Gewitter). Er kam – und da war meine Skepsis berechtigt – kaum westwärts voran. Es regnete zwar am späten Nachmittag nochmals kräftig, aber es gab dazu nur wenige Entladungen. Das Hauptregengebiet blieb östlich von Österreich. Hier machte sich dann doch der starke Westwind bemerkbar, sodass es am Abend bereits überwiegend trocken blieb.

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