Heißes Sibirien und kaltes Mitteleuropa: Warum?

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Die dramatische Erwärmung wird sich in den Alpen fortsetzen – daran ändert ein durchschnittlicher Sommer nichts.

Die vergangenen Jahre fielen weltweit rekordwarm aus. Höchstwerte bis 20 Grad gab es bis in den Dezember hinein. Immer häufiger fällt der Dezember als Wintermonat aus, was Neuschnee und Frost betrifft. Das Frühjahr 2020 war mild und extrem trocken. März und April zeigten sich im Lockdown von der sonnigen Seite. Keiner kann sich herausreden, davon nichts mitbekommen zu haben. Der Lockdown betraf alle. Erst seit etwa Mitte Mai hat das durchwachsene mäßig warme Wetter eingesetzt, das voraussichtlich bis mindestens Ende Juli anhalten wird. Immer wieder Kaltlufteinbrüche, häufig Regen, etwas seltener heftige Gewitter, die Nächte oft frisch unter 20 Grad. In Wien waren es heuer bisher magere 6 Tage über 30°C, im Vorjahr waren es 42 (Hohe Warte), im Mittel (1981-2010) sind es 15. Dazu kommen Nächte wie vom 11. auf den 12. und vom 12. auf den 13.7., als die Tiefstwerte verbreitet unter 10°C fielen. In Summe fühlt sich der Sommer für das 21. Jahrhundert eher unterkühlt an, fürs 20. Jahrhundert läge er noch im Schnitt.

Gleichzeitig fallen in Sibirien Hitzerekorde, insbesondere im Polarkreis nördlich des 66. Breitengrades wurden im Juni und Juli tagelang Höchstwerte über 30°C gemessen.

Die Folgen sind verheerend: Die Permafrostböden tauen auf, setzen dabei Methan frei, die starke Erwärmung fördert Seidenmotten, die die borealen Nadelwälder schwächen und Waldbränden schutzlos ausgeliefert sind. Die Infrastruktur wird instabil, Gebäude brechen ein, Naturkatastrophen wie geplatzte Dieseltanks häufen sich. Ein einzelner kühler Sommer in Mitteleuropa ändert nichts daran, dass die Klimaerwärmung viel dramatischer abläuft als bisher erwartet wurde. Schon in den kommenden fünf Jahren könnte sich die globale Durchschnittstemperatur um 1,5°C erhöht haben, das Pariser Klimaziel wäre dann nicht mehr erreichbar. Die Antarktis galt vor rund 15 Jahren noch als stabil, doch auch dort hat sich das Blatt gewendet. Inzwischen droht ein riesiger Gletscherabbruch, der die ganze Westantarktis destabilisieren könnte. Dagegen nehmen sich die regionalen Gletscherverluste in den Alpen wie Peanuts heraus – vgl. Pasterze vom 11. Juli 2016 versus 14. Juli 2020 – (Vergleich 1920 mit 2012):

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Erklärungsversuch dafür, dass es bei uns heuer weniger Hitzetage als in Sibirien gibt:

Kurzfassung: Starkwindband um die Erde (Jetstream) genannt, bildet große Auslenkungen (Rossby-Wellen). Je schwächer der Jet, desto ortsfester die Auslenkungen. Weil die Pole sich stärker erwärmen als die mittleren Breiten, nehmen die Temperaturgegensätze ab und damit auch die Geschwindigkeiten des Jets, er gerät damit stärker ins Schlingern. Letztes Jahr lagen wir in einem mächtigen Wellenberg mit Südwestströmung mit ungehinderter Zufuhr von subtropischer Saharaluft.

Heuer liegt die Auslenkung seit Mai über Mitteleuropa (nur da) mit Tiefdruckeinfluss, während Russland im warmen Bereich (Wellenberg) liegt. Waldbrände verschärfen das Problem, weil großräumiger Rauch Wärmeenergie zum Boden reflektiert.

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Starkwindbänder in ca. 10km Höhe auf der Nordhalbkugel, gültig Freitag 17. Juli 2020, 05 Uhr Lokalzeit, rot: Ungefährer Verlauf des Subtropenjet, blau: Verlauf des Polarfrontjets.

Die Höhenwindkarte vom Freitag, 17. Juli, zeigt den Verlauf von Subtropenjet und Polarfrontjet rund um die Nordhalbkugel. Über Westeuropa befindet sich eine ortsfeste Hochdruckzelle (antizyklonale Strömung), die gemeinsam mit einem breiten Trog über Osteuropa kühle und feuchte Luftmassen nach Mitteleuropa lenkt. Diese Großwetterlage herrscht mit wenigen Unterbrechungen (kurze, heiße Vorderseiten) seit Mitte Mai und setzt sich auf unbestimmte Zeit fort. Mit dem breiten Trog über Osteuropa setzt sich die Vorderseite mit heißer Südströmung dafür über Russland fest. Sowohl im Westen als auch im Osten von Russland wird jeweils heiße Luft vom Subtropenjet angezapft und bis zum Polarkreis befördert. Das geschieht über kontinentale (trockene) Luftmassen ohne unterliegende größere Wasserflächen, die die Luftmassen anfeuchten und durch Bewölkung etwas weniger hitzebeständig machen könnten. Die Folge ist, dass die eingefahrene Großwetterlage seit Wochen wiederholt die Zufuhr heißer trockener Luftmassen in den Norden Russlands bewirkt. Dort sind wegen der hohen Lage der Region die Tage im Sommer sehr lang, im Juni kann die Sonne über 17 Stunden lang scheinen. Im Winter ist es umgekehrt. Das erklärt die extremen Temperaturgegensätze innerhalb eines Jahres von über 100 Grad.

Dieses Jahr toppt alles – bis zu fünf Grad Abweichung im Juni, das hat es die letzten 40 Jahre nicht mehr gegeben. Es fällt beides zusammen: Die Jahreszeit mit der längsten Sonneneinstrahlung und maximalen Erwärmung sowie kräftige Hochdruckgebiete, wo sich normalerweise Tiefs befinden. Auch über der Arktis selbst befindet sich ein stationäres Hochdruckgebiet, das das Abschmelzen des arktischen Meereis beschleunigt.

Auch in den weiten Teilen der USA herrscht brütende Hitze, hier verläuft der Subtropenjet derzeit weit nördlich. Der Süden von Spanien und Portugal liegt unter dem Einfluss von Hochdruck in der Höhe (hohes Geopotential), das sich von Nordafrika über die Kanaren bis zur Iberischen Halbinsel ausdehnt.

Halten wir fest: Kühl und feucht ist es diesen Sommer nur in Mitteleuropa und dort vor allem im Ostalpenraum ergo Österreich. Die Ursache ist die Lage des Starkwindbands um die Nordhalbkugel.

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