Flutkatastrophe in Mitteleuropa: Starkregen und Klimawandel

Übersicht wesentliche Faktoren der Flutkatastrophe

So ganz kalt lassen einen die Ereignisse auch als erfahrenen Meteorologen mit nüchternem Realismus nicht. Das Ausmaß der Zerstörungen ist gewaltig. Ganze Landstriche in Teilen Luxemburgs, Belgiens, Saarlands, Rheinlands und Nordrhein-Westfalens wurden bis zur Unkenntlichkeit verwüstet. Im Gegensatz zum F4-Tornado in Tschechien am 24. Juni 2021 zeigen Starkregenereignisse eine klarere lineare Abhängigkeit zur globalen Erwärmung. Pro Grad Erwärmung kann die Luft 7% mehr Wasserdampf aufnehmen (Clausius-Clapeyron-Gleichung). Allerdings tut sie das nicht immer, sonst hätten wir bei wochenlang sommerlichen Temperaturen am Alpenostrand nicht den trockensten Juni seit Messbeginn zustandegebracht. Es braucht also auch Tiefdruckwetter, um den steigenden Wassergehalt der Atmosphäre in Niederschlag umzusetzen. Hier kommt der Klimawandel ins Spiel: Naturkatastrophen wie die letzten Tage in Mitteleuropa entstehen nicht (nur) durch die wärmere Luft, sondern durch bestimmte Wetterlagen, die häufiger werden.

In diesem Beitrag versuche ich den Anteil des Klimawandels und den unmittelbaren Anteil des Menschen zu bemessen:

Über die Folgen eines mäandrierenden Jetstreams schrieb ich am 29. Juli 2019, im Hitzesommer Mitteleuropas mit neuen Hitzerekorden.

Mein damaliges Fazit:

Die letzten Jahre zeigen, dass …

  • diese Wetterlagen häufiger werden, damit steigt die Anzahl der Tage mit großer Hitze
  • diese Wetterlagen länger bestehen bleiben (das großräumige Strömungsmuster bleibt gleich), damit ergeben sich andauernde Hitzewellen und mit steigendem Ausgangsniveau (steigende Frühwerte) steigt das Potential für absolute Hitzerekorde
  • die Wetterlagen extremer werden, die Auslenkung reicht weit nach Süden bzw. Norden, so werden ungewöhnlich warme Luftmassen auch in Nordeuropa, auf Spitzbergen und selbst in Grönland beobachtet. Die Gegenbewegungen mit Kaltluft fallen kaum ins Gewicht (Mai 2019) und unterbrechen nur kurzzeitig die Serie rekordwarmer Monate.
  • Stationäre Wetterlagen mit Tiefdruckeinfluss bringen anhaltend lokalen Starkregen (vgl. Juni/Juli 2016) bzw. großräumige Überflutungen (vgl. Juni 2013).

Ein Paper von Kahraman et al. (2021) bestätigt meine subjektiven Beobachtungen als Berufsmeteorologe mithilfe einer „zutatenbasierenden Methode“. Der Gesamtniederschlag hängt von der Kondensationsrate, Niederschlagseffizienz und Dauer ab. Künftige Niederschlagsereignisse in Europa werden heftiger – nicht nur wegen höhere Feuchte und stärkerem Auftrieb, sondern auch wegen langsamerer Verlagerung der Schauer und Gewitter. Die langsamere Verlagerung kommt durch die Arktische Amplifizierung zustande – die Abnahme des Temperaturunterschieds zwischen Polgebieten und Tropen, welche die Höhenwinde (Jetstreams) abschwächen. . Die Autoren beziehen das zwar auf den Herbst, es gilt aber im Prinzip auch für den Sommer. Gleiches ist aktuell über Europa zu beobachten.

Nichts gelernt aus der Vergangenheit?

In prädestinierten Hochwasserregionen sind die Häuserfundamente massiv gebaut, im Erdgeschoss lagert nichts Wertvolles, die Wohnungen befinden sich erhöht. Man hat tatsächlich gelernt, mit wiederkehrendem Hochwasser zu leben, etwa in Passau oder in Steyr an der Enns. Dazu kommt, dass man dem Fluss Platz lässt, sich auszubreiten, etwa im oberen Salzachtal (Mittersill) und Siedlungen im Überschwemmungsgebiet verbietet. Wer illegal dort baut, ist entsprechend häufig nicht versichert.

Im Ahrtal hat man Dörfer in Flussauen gebaut, sogar auf alten Mäandern wie bei Altenahr (Quelle)

Im Ahrtal war die Flutkatastrophe entgegen dem optischen Eindruck kein Präzedenzfall. Die angegebenen Jährlichkeiten sprechen von einem 100-jährlichen Hochwasser. Bereits in den Jahren 1488, 1582, 1761, 1804 und 1910 kam es im Ahrtal zu großflächigen Zerstörungen durch Sturzfluten, immer wieder auch zu dutzenden Todesopfern. Was wird man nach dem Wiederaufbau sagen? „Jetzt haben wir wieder 100 Jahre Zeit?“ Ob sich das mit der Erwärmung der Atmosphäre durch den Klimawandel ausgeht, ist sehr fraglich.

In der Open Street Map ist der „neue“ Nebenfluss der Erft mit den erodierten Gebieten bereits eingezeichnet!

In Erftstadt, wo sch die Erft nahe dem Ortsteil Blessem in eine Kiesgrube ergoss und durch massive Erosion ganze Häuser verschluckte, sind die dramatischen Folgen ebenfalls hausgemacht, denn die Kiesgrube wurde viel zu nah an die Siedlung und an den Fluss gebaut. Schlimmer noch, genau in Verlängerung der Linkskurve des Flusses. Ein Hochwasser macht nasse Füße und Sachschäden, aber die Folgen sind meistens reparabel. Bei Erdrutschen dieser Größenordnung verändert es die Landschaft dauerhaft – der Untergrund ist nicht mehr zu stabilisieren.

Blick vom Kleinen Barmstein (841m) auf Hallein (447m), eigenes Bild vom August 2017

In Hallein sind die Sturzfluten in der Altstadt die Folge der Kanalisierung des Kotbachs, dessen Einzugsgebiet auf kurzer Distanz ein Gefälle von 400 Höhenmetern überwindet. In Königssee, wenige Kilometer westlich von Hallein auf der bayrischen Seite, fielen 122 Liter pro Quadratmeter in wenigen Stunden, alleine 50 l/qm in einer Stunde. Die kalibrierten Niederschlagssummen aus dem Wetterradar zeigen punktuell noch höhere Mengen über 150 l/qm. In Golling fielen 124 l/qm.

Teile des Bachverlaufs wurden kanalisiert und vollständig überbaut

Ganz allgemein fällt auf, dass der Ort auf einem Schwemmkegel erbaut wurde, der das Flussbett der Salzach nach Osten verlegt hat. Hochwasser zerstörte dort Holztriftanlagen in den Jahren 1861 und 1920.

Aus dem Salzburg-Wiki:

„Um die Stadtpfarrkirche Hallein entwickelte sich gegen Ende des 12. Jahrhunderts der älteste Kern Halleins. Die Sudhäuser lagen tiefer auf einer kleinen Ebene zwischen der Salzach und dem Kotbach-Schwemmkegel.

Auch hier also ein Ereignis, was bei Starkregen regelmäßig vorkommen kann und vor allem auf die Bodenversiegelung zurückzuführen ist.

Bei solchen Katastrophen stellen sich immer die gleichen Fragen:

  1. Wurde rechtzeitig gewarnt?
  2. Wurde das Ausmaß in der Warnung erfasst?
  3. Haben die Behörden und Medien die Warnungen (der Hydrologen und Meteorologen) ausreichend kommuniziert?
  4. Haben die Betroffenen die Warnung verstanden?
  5. Haben die Betroffenen richtig reagiert?

Ich möchte das nicht zu ausführlich wiederkauen, dazu erscheinen schon genug Medienberichte. Fakt ist, dass sowohl die Hochwasserlage in Westdeutschland als auch am 17. und 18. Juli im Nordalpenbereich von den Wettermodellen ziemlich gut erfasst wurden. Das Starkregenereignis mit lokalen Mengen bis 200 l/qm in 24 Stunden hat sich seit Tagen abgezeichnet. In Österreich werden bisher keine Opfer gemeldet, hier dauert das Ereignis noch an, offenbar wurde aber rechtzeitig reagiert. Der Flaschenhals ist meist die Weitergabe der Warnungen an die Bevölkerung über die Medien. Gibt es Sondersendungen im Fernsehen und Radio, gibt es Sirenenalarm im Ort, was speziell bedeutsam ist bei Stromausfällen? Wie verhält man sich richtig?

Meteorologe und Unwetterforscher Mateusz Taszarek, ESSL-Mitglied, beklagt das mangelnde Bewusstsein für Unwetter in Europa. Nach jedem Unwetterereignis schiebt man die Schuld auf den Klimawandel. Dabei kommen schwere Hagel-, Tornado-, Sturm- und Flutereignisse regelmäßig im europäischen Klima vor. Die Klimaerwärmung ist ein wichtiges Problem, aber derzeit noch problematischer ist, dasss Europäer nicht darauf vorbereitet sind, mit Unwettern umzugehen. Die Vorhersagbarkeit wird stetig besser, doch das Bewusstsein fehlt, wie man Warnungen effektiv kommuniziert. Das ist auch frustrierend für die Meteorologen vom Dienst, die den Ernst der Lage richtig erfassen und entsprechend warnen, doch wird die Information nicht richtig umgesetzt. Thilo Kühne, der für das Qualitätsmanagement bei der Europäischen Unwetterdatenbank (ESWD) zuständig ist, ergänzt: Zwei Weltkriege, der Kalte Krieg, die Wiedervereinigung – bis zum Jahr 1990 hatten die Menschen andere Sorgen als Vorsorge vor Naturkatastrophen. Doch was ist in den letzten 30 Jahren passiert? Da liegt der Hund begraben.

Denn was ist die Folge des Tornados in Tschechien? Ein paar Tage erhöhte Medienaufmerksamkeit und das war es schon wieder. Wie verhält man sich richtig, wenn Tornados hierzulande tatsächlich in Unwetterwarnungen vorkommen? Darüber hat man die letzten Wochen nichts mehr gehört.

Der Klimawandel rückt die Bedeutung der Vorsorge wieder stärker ins Bewusstsein. Das Aufhalten des Klimawandels kommt 40 Jahre zu spät. Wir können die Folgen für die jetzige und die nächsten Generationen nicht mehr aufhalten, was veränderte atmosphärische Bedingungen betrifft. Wir können aber den Schaden für die Jahrhunderte danach noch begrenzen. Was wir aber sehr wohl tun können, ist die Bodenversiegelung stoppen und der Natur wieder mehr Raum geben, im beiderseitigen Interesse. Ebenso können wir regelmäßig trainieren, wie man sich richtig verhält, wenn Starkregen mit signifikanten Abflussmengen vorhergesagt wird.

Faktoren, die die Hochwasserlage in Mitteleuropa am 15. und 17/18.7. begünstigt haben

Grundsätzlich ist das Strömungsmuster kein Hinweis auf einen erfolgten Zusammenbruch des Jetstreams durch die Atmosphärenerwärmung, denn im Sommerhalbjahr sind solche großräumigen stark mäandrierenden Muster die Regel und nicht die Ausnahme. Italientief- und Adriatieflagen bzw. Vb-Lagen bedingen abtropfende Höhentiefs wie hier über den Alpen.

Ungewöhnlich fällt hier nur auf, dass der Subtropenjet (das südliche Starkwindband) weit nach Norden bis zu den Alpen verschoben ist.

300 hPa Jetstream (in Knoten) am Mittwoch, 14. Juli 2021, Quelle: Profikarten Wetteronline

Damit wurde sehr heiße Luft nordafrikanischen Ursprungs in den östlichen Alpenraum transportiert.

Am 13. Juli 2021 abends über Wien: Massive Saharastaubzufuhr sorgt für milchig hohe Bewölkung und trübt den Sonnenschein

Die Heißluft in Verbindung mit massiver Saharastaub-Zufuhr setzte sich wegen der gedämpften Sonneneinstrahlung nicht vollständig zum Boden durch. Es wurden im Osten von Österreich nur 35 Grad, theoretisch möglich wären knapp 40 gewesen.

Temperatur in 850 hPa (ca. 1500m Höhe) am Dienstag, 13. Juli 2021, 20 Uhr MESZ

Es ist aber die gleiche heiße Luftmasse vom Balkan, die über Ostösterreich, Tschechien und Norddeutschland in die Zirkulation von Tief BERND einbezogen wird. Wir erinnern uns: Pro Grad Erwärmung 7% Wasserdampf extra.

Taupunkts-Messungen am Mittwoch, 14. Juli 2021, 17 Uhr MESZ

Die Luftmasse ist aber nicht nur heiß, sondern auch sehr feucht. Die Taupunkte (wenn die Temperatur auf den Taupunkt abkühlt, erreicht die Luft 100% relative Feuchte) vor der Kaltfront im Warmsektor bis in die Okklusionsfront, mit der die Starkniederschläge einhergingen, betragen verbreitet 18-22°C – selbst in weiten Teilen Norddeutschlands. Auch das hat eine Vorgeschichte, nämlich die bereits tagelang gradientschwache Wetterlage, mit der sich die Bodenfeuchte anreichern konnte.

Der Parameter ThetaE (äquivalentpotentielle Temperatur) beinhaltet Feuchte und Temperatur und zeigt, dass bei dieser Hochwasserlage höhere ThetaE-Werte in den Kern des Tiefs einbezogen wurden als bei den Hochwasserlagen 2002 und 2005, also feuchter und labiler geschichtet.

Hochwasserlagen 2002, 2005 und 2021 – 850 hPa ThetaE und Bodendruck

Damit haben wir die wichtigsten Zutaten bereits zusammen, wie sie die obige Übersichtsgrafik bereits zusammenfassen sollte:

Hohe relative Bodenfeuchte, sehr warme Luftmassen und ein für etwa 24 Stunden ortsfestes Bodentief, sodass sich die zugehörige Okklusionsfront kaum von der Stelle bewegt.

Der Wetterballonaufstieg von Essen von Mittwochmittag zeigt aber noch mehr: Temperatur und Taupunktskurve sind hochreichend dicht beieinander, die Luft ist also hochreichend feucht, was einen PPW/PWAT (Niederschlagbares Wasser) von 42 l/qm ergibt – ein extrem hoher Wert für Mitteleuropa, rund 15-20 l/qm über dem Juli-Durchschnitt. Die Luftsäule hat also einen hohen Flüssigwassergehalt und entsprechend hohes Starkregenpotential. Dazu kommt ein MUCAPE von 200 J/kg, das ist die freigesetzte latente Wärme des instabilsten Luftpakets, die den Auftrieb von Schauern und Gewittern erzeugt. 200 J/kg ist wenig, aber sorgt hier dafür, dass der Niederschlag nicht gleichmäßig und schichtförmig (stratiform) ist, sondern konvektiv verstärkt mit Regenraten von 10 bis 20 Liter die Stunde. Neben Feuchte und Labilitätsenergie kommt ein weiterer Faktor hinzu: Nordoststau. Die Mittelgebirgslagen werden von einer kräftigen Nordoströmung angeströmt, was Stauniederschläge erzeugt.

Übersicht Anströmungrichtung, Radarbild, 24 Stunden-Mengen und Satellitenbild für den 14. Juli 2021

Es ist klar erkennbar, welche Regionen die höchsten Regenmengen erhielten, nämlich in den Nordoststaulagen der Mittelgebirge (Bergisch Land, Eifel).

Für die Hochwasserlage in Österreich und in den Bayrischen Alpen am 17. und 18. Juli 2021 könnte ich im Prinzip ähnliche Karten verwenden und das Ergebnis wäre das Gleiche – eine Konstellation, bei der ausschließlich niederschlagsverstärkende Faktoren zusammenkommen.

Zusammenfassung

Großwetterlagen mit abtropfenden Höhentiefs über Mitteleuropa sind nicht ungewöhnlich im Sommer. In der Vergangenheit sorgten sie immer wieder für lokale Starkregenereignisse, aber auch großräumige Hochwasserereignisse wie 1999, 2002, 2005 und 2013. Auch der Umstand, dass der Jetstream im Sommer seine schwächste Ausprägung erreicht, ist klimatologisch gesehen normal.

Unter abnormal fällt in diesem Jahr die Beständigkeit von Hitzewellen in Europa mit fast völlig ausbleibenden Kaltfrontdurchgängen mit Höchstwerten unter 20 Grad. Das liegt an einem nach Norden verschobenen Subtropenjet, der Südeuropa unter einer trockenen Hitzeglocke hält und der dann über Osteuropa nordwärts abbiegt. Ost- und Nordeuropa sind beständig viel zu warm für die Jahreszeit.

Auch der Umstand, dass ein Höhentief über Mitteleuropa abtropft und Starkniederschläge erzeugt – wie immer, wenn ein Tief ortsfest wird- , ist nicht ungewöhnlich, wie die Chroniken vom Ahrtal seit hunderten Jahren zeigen. Was man aber der Klimaerwärmung zuschreiben kann, ist die heiße und extrem feuchte Luftmasse, die in die Zirkulation von Tief BERND einbezogen wurde. Damit kamen gleich mehrere Faktoren zusammen, die man als ideale Zutat für Flutkatastrophen beschreiben könnte:

  • Feuchte Vorgeschichte in den Vorwochen mit gesättigten Böden bzw. erhöhtem Grundwasserstand
  • Ein ortsfestes Tief, das sich über Stunden hinweg am gleichen Ort abregnet.
  • Eine sehr feuchte Luftmasse mit hohem Wassergehalt (über 40mm)
  • Eine schwach, aber ausreichend labile Luftmasse, wodurch die Niederschläge schauerartig verstärkt werden, was Regen- und Abflussrate erhöht
  • Die ideale Gebirgsanströmung für die westlichen Mittelgebirge aus Nordost, der Stau erhöht die Niederschlagsraten nochmals.

Man muss es nochmal betonen: Wärmere Luft alleine macht keine Sturzfluten! In Südeuropa herrscht Trockenheit, weil dort ein Hochdruckgürtel liegt (Ausnahme jetzt Tief BERND, das langsam nach Süden weiterzieht). Um Starkregen zu erzeugen, braucht es zwingend Hebungsantrieb, also Tiefdruckeinfluss. Bei Flutkatastrophen kommt fast immer die Topographie mit ins Spiel, 2002 das Erzgebirge, 2005 und 2013 die Alpen. Im Winter zusätzlich die Schneeschmelze in höheren Lagen. Im Tiefland von Nordrhein-Westfalen und angrenzenden Regionen kommt erschwerend hinzu, dass das Gefälle nur mehr flach ist und Hochwasser nur langsam abfließt, während Hochwasserwellen im Alpenraum ebenso rasch abflachen wie sie sich aufbauen.

Der Mensch nimmt natürlich Einfluss auf die Dimension der Schäden, zum Einen durch das Bevölkerungswachstum und verstärkte Siedlungstätigkeit, durch Bodenversiegelung und Kanalisierung, durch illegale Bautätigkeit in Überschwemmungsgebieten, wie auch Kiesgruben, und der angesprochene soziale Faktor, wie gut man auf solche Ereignisse vorbereitet ist, speziell in Regionen, die klimatologisch anfällig dafür sind – und wenn es nur alle 100 Jahre passiert.

Die Projektionen für die Zukunft zeigen, dass die Extreme, wie wir sie heuer prototypisch erleben mit Dürre und Hitzerekorden in Nordamerika und Nordeuropa bzw. Sibirien, und gleichzeitig extremen Starkregenereignissen dort, wo Tiefdruckgebiete stationär werden, zunehmen werden. Das Bekenntnis zum Kampf gegen die Klimaerwärmung darf nicht aus leeren Worten bestehen. Gleichzeitig muss man aber jetzt schon Vorkehrungen treffen und sich besser vorbereiten, um so hohe Opferzahlen künftig zu verhindern.

Wissenschaftlicher Bericht zur Flutkatastrophe vom „Center of Disaster Management and Risk Reduction Technology“, 21. Juli 2021 (32 Seiten)

6 Gedanken zu „Flutkatastrophe in Mitteleuropa: Starkregen und Klimawandel

  1. franzzeiler

    Servus Felix,
    danke für deine, wie immer, kompetente Analyse mit klimatologischen Aspekten.
    Was mir aufgefallen ist und mich überrascht hat, war die Tatsache, dass das verheerende Cutoff BERND am 14. Juli auf seinem Weg nach Oberitalien bereits über den Westalpen angekommen war und sich dann wieder „zurück“ nach Süddeutschland verlagerte. Ich glaube, erst dieser Umstand hat zu der disaströse Flutkatastrophe am 15. Juli im Dreiländereck D, B, NL verursacht.
    Hast du eine Idee, was diesen retrograden Ruck des Cutoffs bewirkt hat?
    LG, Franz

    Antwort
    1. Forscher Autor

      Servus Franz, bis 13.07., 18z, hat sich das cut-off südostwärts verlagert infolge des Downstream-Developments induziert durch den Trog über Neufundland (progressive Wellenverlagerung).

      Das cut-off bekam dann aber Kontakt zum Subtropenjet (mit der Hitze im Ostalpenraum) und verlagerte sich gesteuert durch den Subtropenjet wieder nordostwärts. Erst mit der Zonalisierung des Polarfrontjets zwischen UK und Grönland wurde das Cut-Off dann endgültig südwärts abgedrängt.

      Denke, der Subtropenjet so weit nördlich ist der Schlüsselfaktor für die Hochwasserlage, sowohl was Verlagerung als auch ungewöhnlich energiereiche und feuchte Luftmasse betrifft. Die ganze Lage 1000km weiter östlich wäre klassische Vb-Zugbahn gewesen und hätte Wiederholung von 2002 gemacht (ebenfalls mit höheren Mengen aufgrund der hohen ThetaE). So hat es halt das bevölkerungsreichste Bundesland getroffen plus dicht bevölkerte Nachbarregionen, die sowas nur alle 100 Jahre etwa erleben.

      Gruß,Felix

      Antwort
      1. Stefan

        Besten Dank für die sehr interessante und nachvollziehbare Analyse. Mir stellt sich die Frage, ob es tatsächlich „nur“ ein Ereignis mit (statistisch) hundertjähriger Wiederkehrzeit war. Zahlreiche (teil-) zerstörte Häuser, die man auf den Fotos sieht, erscheinen mir älter als 100 Jahre, gerade diese mit „krummen“ Fachwerkstrukturen. Sollten die weggeschwemmten und zerstörten Häuser tatsächlich deutlich älter, 200 oder gar 500 Jahre, liesse sich an der Einordnung „Jahrhundertereignis“ nicht festhalten.
        Was den Kiesgrubenfall in Blessem angeht erschreckt mich diese planerische Fehlleistung zu tiefst: In den frei zugänglichen Risikokarten ist das Ereignis für ein Hundertjähriges HW mit Pfeilen bereits eingezeichnet: Die Erft fliesst durch den Ort und mündet keine 200 m hinter dem Ort in das 60 Meter tiefe Loch der Sand-/Kiesgrube – es ist geradezu trivial daraus zu schlussfolgern was mit einer 60 Meter hohen Sandkante passiert, wenn ein Hochwasser über Stunden darüber strömt und was mit dem Fundament Blessems aus durchnässtem Sand passieren wird. Ich hoffe diese Fragen werden öffentlich diskutiert werden und Konsequenzen gezogen.

        Gruss, Stefan

  2. ch

    Vielen Dank für die tolle Analyse.

    Mir hat das Ganze aus statistischer Sicht auch keine Ruhe gelassen und ich habe verschiedene Statistiken erstellt. Da man im Monatsniederschlag keine Veränderung sieht, habe ich die Anzahl der Tage mit Niederschlägen >20, 50, 75 und 100mm genommen. Macht man diese Statistik ab 1961, wo die meisten Werte vorhanden sind, gibt es eine deutliche Zunahme extremer Niederschlagsereignisse. Macht man nur Statistiken von Stationen mit mind. 100-jähriger Messreihe, verschwindet die zunehmende Tendenz. Stattdessen ist fast schon eine periodische Wiederkehr von starken Niederschlagsereignissen erkennbar.

    Ich kann leider keine Grafiken hochladen, aber ich werde ich nächster Zeit mal einen Artikel darüber machen.

    Ansonsten … schaut Euch als Beispiel mal die Vorher-Bilder der stark betroffenen Stadt Stolberg/NRW an. Wo soll denn da bei reichlich Niederschlag das Wasser hin????? Ist da Hochwasser nicht vorprogrammiert?https://www.eifel.info/images/lzvwkr3ehza-/altstadt-gasse-in-stolberg.jpghttps://img3.oastatic.com/img2/60017777/max/wandern-in-stolberg.jpg

    Antwort
  3. Markus

    Hallo Felix,
    Danke für deine sachlich fundierte Analyse. Du gehst mit guten Beispiel voran in einer immer chaotischeren Welt der Medien-Meteorologie.

    In der aktuellen Medienberichterstattung wird das einzelne Ereignis nun tatsächlich vermeintlich wissenschaftlich fundiert dem Klimawandel zugeschrieben. Die Argumentation ist gruslig.https://www.tagesschau.de/inland/studie-starkregen-101.html

    Alleine in diesen einen Artikel der Tagesschau sind viele Fehler enthalten. Sicher auch durch unvollständige Zitierungen des Herrn vom DWD.

    Sven Plöger rutscht mit seinen Aussagen in letzter Zeit in eine seltsame Schiene, wo man ihn leider nicht mehr ernst nehmen kann. Wetter und Klima wird dermaßen durchmischt wie noch nie.

    Man gewinnt den Eindruck, dass den Leuten einfach maximale Angst eingejagt werden soll. Und nahezu jedes außergewöhnliche Wetterereignis mit der Klimaveränderung verknüpft wird.

    Ich bin froh, dass nach 2002 hier in Sachsen tatsächlich Maßnahmen ergriffen wurden, besser vor solchen Extremereignissen geschützt zu sein. In Rheinland-Pfalz müsste vieles auf den Prüfstand. Stattdessen diskutiert man den Klimawandel. Man sollte eher mal hinterfragen, ob die westliche hochtechnologisierte naturentfremdete Welt einfach zusehends schlechter mit Wetterereignissen klar kommt. Da fährt man eben mit dem Auto ins Hochwasser hinein, bis es absäuft. Die Feuerwehr steht an der Ahr mit HQ-100-Pegel und wartet auf Anweisungen.
    Anderswo filmt man solange den F4-Tornado, bis sich das ins Fenster eindringende Trümmerteil in den Kopf bohrt. Vor 100 Jahren hätten die Leute anders reagiert.

    Es steht für mich außer Frage, dass die stetige Temperaturzunahme solche Extremereignisse wie Hochwasser und Dürre in Mitteleuropa häufger auftreten lassen, auch aufgrund des höheren PWAT, sowie zunehmende Erhaltungsneigungen der GWL und gestörten Strömungsmustern. Studien dazu gab es in den vergangenen Jahren bereits. Die Erkenntnis ist nicht neu.

    Der Spiegel betitelt das Ahr-Hochwasser als „Klimawandel-Ereignis“. Die Medien sind jetzt voll davon. Das man mit Eintrittswahrscheinlichkeiten von 2000 Jahren oder 400 Jahren um sich schmeißt ist ebenfalls alles andere als seriös. Wenigstens wird anderswo noch darauf hingewiesen, dass die Zeitreihen für Niederschlagsmessungen eigentlich zu kurz sind, um solche definitiven Aussagen zu treffen. Das Thema kocht in den Medien jedenfalls wieder ganz schön hoch.

    https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/extremwetter-so-hoch-ist-der-anteil-des-klimawandels-an-der-flutkatastrophe-a-5222131d-0a14-4189-9089-0d30a3d8407b

    Antwort

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