Mexiko: Der „abgesagte“ Monstersturm

Hurrikan PATRICIA war der stärkste Tropensturm im Ostpazifik seit Aufzeichnungsbeginn. Mit 879 hPa Kerndruck lag er aber immer noch 10 hPa über dem stärksten Tropensturm überhaupt (Taifun TIP hatte 870 hPa).

Dabei verstärkte sich „Patricia“ innerhalb von nur 24 Stunden von einem Tropischen Sturm zu einem Hurrikan der Kategorie 5. Dies wurde bisher erst einmal beobachtet, nämlich beim Hurrikan „Linda“ 1997.

Quelle: http://www.saevert.de/ostpazifik/2015/2patricia.htm

Unmittelbar vor Annäherung an die mexikanische Küste hatte der Hurrikan Kategorie 5 und Windspitzen bis 400 km/h, was nach der alten Fujita-Skala einem ausgewachsenen F4-Tornado entspräche. Zudem herrschte mit 325 km/h der stärkste bekannte Mittelwind eines Tropensturms. Der bevorstehende Landfall wurde in den möglichen Auswirkungen bereits mit Taifun HAIYAN auf den Philippinen verglichen, der 6000 Tote forderte.

Plötzlich verbreitete sich die Meldung, der Monster-Hurrikan sei „abgesagt“, so wie eine Veranstaltung abgesagt wird. Aber hat er sich wirklich von einer Presseagenturmeldung auf die andere aufgelöst oder was geschah wirklich?

Weil der Hurrikan eine sehr eng begrenzte und darum so rasch rotierende Augenwand besaß, betrafen die Zerstörungen nur ein relativ kleines Gebiet und zudem eine verhältnismäßig gering bevölkerte Region. Der Landfall fand am frühen Freitagabend, 23.10.15, bei Cuixmala statt, einem Luxus-Rückzugsort. Die Windgeschwindigkeiten betrugen dabei rund 260 km/h. Allerdings dehnen sich die absoluten Windspitzen nicht weiter als 25 km um das Auge herum aus. Die nächste Großstadt mit mehr als 100 000 Einwohnern, Manzanillo, befand sich gut 50 km entfernt.

Wie zerstörerisch sich ein Hurrikan auswirkt, hängt weniger von seiner schieren Größe als von den Umgebungsbedingungen ab. Beispielsweise hatte sich der verheerende Hurrikan KATRINA beim Landfall über New Orleans schon auf Kategorie 1-2 abgeschwächt. Doch sorgten die beständig starken Winde für eine starke Sturmflut, nachfolgend kam der intensive Regen hinzu, dessen Fluten nicht so schnell ablaufen konnten. Auch Hurrikan SANDY bei New York war nicht von extremer Stärke, aber die Windrichtung passte genau, um eine Sturmflut zu erzeugen.

In den betroffenen Regionen verursachte PATRICIA sehr wohl für massive Zerstörungen, wie rund 3500 zerstörte Häuser, Erdrutsche, Überflutungen und Stromausfälle, die über 230 000 Bewohner betrafen, nur eben nicht in den dicht bevölkerten Regionen.

Mexikos Behörden bereiteten sich zudem vorbildlich und umfassend auf den Landfall vor, sodass vorbeugende Maßnahmen hier weitere Opfer verhindert haben. Auch die Küstentopographie hat eine markante Sturmflut verhindert, da hier große Gebiete an seichten Gewässern fehlen.

Der gewichtigste, aber auch schon lange vorher absehbare Grund für eine rasche Auflösung ist aber das breite, hochreichende Gebirge, das die innere Zirkulation des Hurrikans rasch zerstört hat. Die Kombination aus heftigem Wind gegen die Berge und starker Feuchtezufuhr bringt bei längerem Aufenthalt dann den gefürchteten, unwetterartigen Stauregen. Eingelagerte Gewitter können strichweise für enorme Regenmengen sorgen. Allerdings zog der Hurrikan recht zügig landeinwärts mit rund 30-35 km/h, weshalb sich die akkumulierten Mengen insgesamt in Grenzen hielten.

p.7day.figa

Quelle: http://www.smythweather.net/precipitation-map/precip-totals-map.php

Insgesamt sogar mehr Niederschlag zeichnet sich derzeit für Texas ab, wo stellenweise bereits bis zu 20 inch (rund 500 mm) gefallen sind, also etwa jene Mengen, die ursprünglich für die mexikanische Westküste vorhergesagt waren. regenmengen_usa

Quelle: http://water.weather.gov/precip/

Der wetterbestimmende Rest von PATRICIA zieht jetzt allerdings nach Osten ab, dann folgt eine kurze Verschnaufpause, ehe am Wochenende das nächste, allerdings außertropische Tiefdruckgebiet neuerlich für heftige Regenfälle in Texas und angrenzende Regionen sorgt.

Zusammenfassung:

Hurrikan PATRICIA hat ein paar Rekorde für den Ostpazifik aufgestellt, wie niedrigster Kerndruck und höchster registrierter Mittelwind. Ebenso war es die zweitschnellste Intensivierung seit Aufzeichnungsbeginn. Es ist dem verhältnismäßig schmalen Starkwindband, der raschen Zuggeschwindigkeit und der geringen Bevölkerungsdichte im Gebiet des Landfalls, aber auch den gut organisierten Vorbereitungsmaßnahmen der Behörden zu verdanken, dass sich eine Katastrophe wie auf den Philippinen nicht wiederholt hat. Starke Schäden hat es dennoch gegeben, und „abgesagt“ ist daher eine unzutreffende Zuschreibung.

Quellen:

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