Nicht ganz so einfach: der Altweibersommer

Beinahe hätte es meine Erklärung ins Erratum des FALTER geschafft, doch weil ich zu dem Zeitpunkt auswärts unterwegs war und am Smartphone nur begrenzt meteorologische Analysen erstellen kann, wurde daraus nichts.

Falter-Ausgabe 37, 7 Sachen, die Sie über den ALTWEIBERSOMMER nicht wussten

Erklärung für die ungewöhnliche Wärmeperiode bis Mitte September liefert der Autor folgende:

Ganz einfach ausgedrückt: Sobald der heiße Sommer in Osteuropa nachgelassen hat, entsteht ein annäherndes Temperaturgleichgewicht in ganz Europa. Das kann zu einem riesigen kontinentalen Hochdruckgebiet führen.

Und so etwas nennt man dann Altweibersommer?

Genau, wenn es ab Mitte September nocheinmal richtig warm wird, heißt es bei uns „Altweibersommer“. Die Amerikaner sagen „Indian Summer“.

Zunächst eine zeitliche Korrektur:

Die FALTER-Ausgabe erschien am 14. September, die spätsommerliche Episode ging aber nur bis 16. September. Es kann daher nicht von Altweibersommer gesprochen werden. Zu trennen sind die Ereignisse daher in den ausklingenden Spätsommer 2016, mit zwei stabile Phasen, vom 25. bis 31. August und vom 8. bis 16. September, und einer kürzeren Altweibersommerperiode vom 24. September bis 1. Oktober.

Insgesamt ungewöhnlich waren weniger die Höchstwerte als die Anzahl der heißen Tage (> 30°C) im September (für Österreich).

Stabile Hochdrucklagen, sofern es sich nicht um ein Winterhoch über kalter Bodenluft handelt, entstehen als Hoch-über-Tief-Lage, wenn südlich eines Höhenhochs ein Höhentief liegt, oder als Omega-Lage, benannt nach dem griechischen Großbuchstaben. Es handelt sich dabei um eine stabile Wetterlage mit einem Hochdruckgebiet, das von einem Atlantik- und einem Osteuropatief flankiert wird.

Die folgenden Karten (500 hPa Geopotential [in gpdam], Bodendruck [hPa] und relative Topographie H500-H1000 [gpdam]) zeigen exemplarisch die Situation während den beiden stabilen Spätsommerphasen.

Phase 1: 25.-31. August 2016

Ein stabiles Höhen- und Bodenhoch reicht von Nordafrika über den Mittelmeerraum bis nach Osteuropa. Tiefdruckeinfluss dringt zunächst nur bis Deutschland vor, erst gegen Ende der Schönwetterperiode auch zum Alpenraum. Dabei verstärkt sich auf der Vorderseite eines Troges die Warmluftzufuhr. An sich eine typische Sommerwetterlage, nach zwei feuchten Sommermonaten Juni und Juli lediglich verspätet.

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Phase 2: 8.-16. September 2016

Zu Beginn eine klassische Hoch-über-Tief-Lage mit Höhenhoch über dem Kontinent und Höhentief über Italien, später vermehrt ein Omega mit Hoch über Skandinavien und Tiefdruckgebiet über Westeuropa sowie einem ausgedehnten Trog über Ost- und Südosteuropa.

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Dabei herrschte tagelang eine Warmluftblase über Mitteleuropa bzw. dem Alpenraum. In der Nacht kühlte die Luft kräftig ab, tagsüber wurde die teils markante Bodeninversion (bis zu 10 Grad Temperaturzunahme auf wenigen hundert Höhenmetern) durchgeheizt und die sehr warme Luft in mittleren Lagen konnte bis zum Boden durchgemischt werden.

„Altweibersommer“, auch „Goldener Oktober“ oder „Indian Summer“

Der Begriff „Indian Summer“ wird gewöhnlich für die Kernmonate des Herbstes (Oktober, November) verwendet, wenn die Laubverfärbung eingetreten ist, unten oft Nebel und Hochnebel herrschen und die Wärme nur in mittleren Lagen anzutreffen ist. Bei „riesigen Hochdruckgebieten“ ist die Stabilität sonst zu groß, um auch bodennah für eine kräftige Erwärmung zu sorgen. Es bilden sich markante Absink- und Bodeninversionen auf, die auch tagsüber kaum noch aufgehen. Im Wiener Raum die gefürchteten Hochnebellagen im Spätherbst, die in den vergangenen Jahren jedoch oft ausgelieben sind.

In den Niederungen werden frühlingshafte oder spätsommerliche Werte (je nach dem) nur dann geknackt, wenn Föhneffekte hinzukommen, etwa am 17. November 2009 am Alpennordrand und im Aichfeld (Sonthofen: +22,4°C und Zeltweg +20,6°C), oder knapp +19°C am 11. Oktober 2005 in Innsbruck. Diese Wärme ist aber oft nur von kurzer Dauer, da oft mit zunehmendem Tiefdruckeinfluss verbunden.

Sonst ist alleine von der Strahlungsbilanz her mit längeren Nächten und immer kürzeren Tagen bei gleichzeitig zunehmender Nebelwahrscheinlichkeit und -dauer nicht mehr von sommerlichen Werten in den Niederungen auszugehen.

Phase 3: 24. September bis 01. Oktober

Die dritte Phase war anfangs erneut durch ein Omegahoch gekennzeichnet, jedoch weniger stabil als in der ersten Septemberhälfte, und zu den spätsommerlich warmen Tagen Ende September (vor allem 29. und 30.9.) kam bodennah eine Westwindkomponente hinzu, die im Lee des Alpenostrandes für Werte über 25°C sorgte.

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Selbst wenn man die Extremwerte abzieht, war es Ende September überdurchschnittlich warm. Ein klassischer Altweibersommer? Hier: Ja!

Schlussfolgerungen:

In der letzten Augustwoche sowie in der ersten Septemberhälfte gab es zwei Schönwetterperioden, die phänologisch betrachtet eher die Charakteristiken eines Spätsommers erfüllen: hochsommerliche Höchstwerte, milde Nächte und grüne Vegetation statt Laubverfärbung.

In der letzten Septemberwoche stellte sich schon eher Altweibersommerwetter ein, mit teils beachtlichen Tagesgängen selbst im Flachland, die auf die bis dahin andauernde Trockenheit zurückzuführen sind. Trockene Luft und Böden ermöglichen sowohl eine starke nächtliche Abkühlung als auch eine starke Erwärmung durch die Sonneneinstrahlung, weil nahezu die gesamte Sonnenenergie dem fühlbaren Wärmestrom zur Verfügung steht und nur sehr wenig für die Verdunstung feuchter Luft investiert werden muss.

Eine genretypische Altweibersommerphase gab es im Oktober 2012 als unter Hochdruckeinfluss und föhniger Südströmung sehr warme Luft in den Alpenraum transportiert wurde. In Bodennähe hielt sich kalte, nebelanfällige Luft, während auf 1700 m bis zu +20°C gemessen wurden. Im Tiroler Oberland schaffte es die Föhnluft sogar bis in die Täler (+27°C in Landeck).

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20. Oktober 2012: Rauch von kontrolliert abgefackelten Latschenzonen steigt über die Wildalpe (1523m) auf und bedingt durch eine scharfe Temperaturinversion auf der Gegenhangseite wieder ab.

Quelle der Modellkarten: http://www.wetter3.de – das Bild hab ich selbst aufgenommen.

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