Klimawandel: Schneebruch und Lawinen

hochthron

Berchtesgadener Hochthron (Untersberg), Südostflanke, am 20. Jänner 2019

Im letzten Beitrag habe ich versucht, das 14-tägige Schneefallereignis im Kontext vom Klimawandel einzuordnen. Im folgenden Text möchte ich auf die Auswirkungen eingehen und wie diese sehr wohl mit dem Klimawandel in Zusammenhang stehen.  Nach dem endgültigen Abklingen der Schneefälle am Dienstagmorgen, 15. Jänner 2019, sowie dem geringfügigen Neuschnee-Ereignis (5-15cm) mit der Kaltfront am Donnerstag, 17. Jänner 2019, wurde das ganze Ausmaß des Dauerschneefalls erst deutlich.

Staub- und Gleitschneelawinen

 

Die Luftbilder von Gerald Lehner (ORF) zeigen eindrucksvoll die Schneemassen entlang der Nördlichen Kalkalpen, Schwerpunkt der Aufnahmen sind die Berchtesgadener Alpen. Teilweise werden riesige Anrisse von Gleitschneelawinen gesichtet, wie sie seit über 50 Jahren nicht mehr aufgetreten sind. An der Südflanke des Dachsteins unterhalb der Scheichenspitze (2667m) hat sich eine Lawine gelöst, die das Ortsgebiet von Ramsau erreicht hat. Eine weitere Lawine ging von der Steinplatte (Loferer Alm) auf den Pass Strub ab. Wegen dem Abgang einer Staublawine vom Tennengebirge musste der Bahnverkehr zwischen Golling und Werfen tagelang gesperrt werden. Ein anderes Problem beschäftigte die Gemeinden Abtenau und Weißbach bei Lofer, hier bedrohten langsam abrutschende Gleitschnee- bzw. Drucklawinen einzelne Bauernhöfe und Häuser, zerdrückten teilweise Heustadel und Garagen und verschütteten Zufahrten meterhoch. (Lawinenkunde)

gleitschneelawine

Gleitschneelawine im 35-40° steilen südseitigen Hanggelände (800m) unterhalb des Rauchenbühels bei Salzburg, 20. Jänner 2019

Bodenwärmestrom begünstigt Lawinen

Lawinen an sich sind ja nichts ungewöhnliches, ein Problem dabei ist aber, dass Gleitschneelawinen diesen Ausmaßes regionsweise noch nie beobachtet wurden. Die Ursache dafür sind die zu warmen Böden vor Beginn des Ereignisses, und zumindest indirekt das rekordwarme Jahr 2018 bis weit in den Herbst hinein. Tendenziell verschoben sich in den vergangenen Jahren die ersten Nacht- und stärkeren Bodenfröste immer weiter in den Frühwinter. Das erste größere Neuschneeereignis fand häufig bei zu warmen Boden statt. Die erste Schneedecke isoliert den Bodenwärmestrom und verhindert eine weitere Auskühlung. Dieses Phänomen beobachten wir in den letzten Jahren immer häufiger. Meist sorgen Setzungsprozesse durch Zwischenhochphasen aber für Entspannung und die Lawinengefahr erreicht keine besorgniserregenden Ausmaße. In diesem Fall fielen jedoch akkumuliert 3-4m Neuschnee in höheren Lagen und 2-3m Neuschnee in tiefen Lagen ohne längere Pausen auf einmal. Selbst bei flacher Hangneigung (unter 30 Grad) sorgt irgendwann das Eigengewicht der Schneedecke für zunehmende Abwärtsbewegungen. Auf dem nassen Gras kann die gesamte Schneedecke bis zur Grasnarbe abrutschen, so wie im Beispiel Abtenau. Dort wurde das Gesamtgewicht auf 40 000 Tonnen geschätzt – eine Masse, die sich nicht mehr stoppen, sondern nur noch umleiten lässt.

In höheren Lagen (oberhalb der Waldgrenze) spielt der ungünstige Schneedeckenaufbau eine weitere Rolle. Inmitten der Neuschnee-Ereignisse mit kräftigem Warmfrontniederschlag waren immer wieder längere Höhenkaltluftphasen eingelagert, mit Graupelniederschlag, der zu Schwachschichten in der Schneedecke führt. Mit dem Ende der Schneefallperiode hat sich in mittleren und tiefen Lagen ein Harschdeckel gebildet, darüber und in höheren Lagen mit dem einsetzenden Dauerfrost zunehmende Reifablagerungen. Das wird für die nächsten Neuschnee-Ereignisse wieder eine Schwachschicht bedeuten, auf der Schneebretter abrutschen können.

Schneebruch zwischen 700 und 1200m

Ein anderes Problem stellen die Schneemassen für den Waldbestand dar. Eigentlich deuten alle Klimaprognosen auf eine weitere steigende Schneefallgrenze in den nächsten Jahren und Jahrzehnten hin. Der Umstand, dass etwa in Niederösterreich etliche unterhalb 1200m Seehöhe gelegenen Schigebiete mangels Naturschnee schließen mussten, bestätigt diese Entwicklung. Unterhalb 1500m hat sich die Anzahl der Schneedeckentage deutlich verkürzt. Insofern handelt es sich bei ersten Jännerhälfte 2019 um ein absolutes Ausnahmeereignis entgegen dem Klimatrend. Der Waldbestand ist robuster gegen große Neuschneemengen mit steigender Höhe, eine Anpassung der Vegetation an die durchschnittlichen Schneeverhältnisse über Jahrhunderte hinweg gesehen. Bei diesem Ereignis sind jedoch große Neuschneemengen schon ab 700m Seehöhe gefallen. Um diesen Höhenbereich sind die größten Schäden (geknickte Baumkronen, gebrochene Äste, umgestürzte Bäume) zu beobachten, denn mit der pendelnden Schneefallgrenze mischte sich immer wieder Regen oder großflockiger Nassschneefall in den Dauerschneefall, was das Gesamtgewicht der Schneedecke erhöhte.

Beispiele für Orte an der Schneefallgrenze, die besonders von Schneebruch betroffen waren:

Zwischen Unken und Kniepass vor dem Gehöft Brentner, zwischen Fagerreit und Rauchenbühel (Aigen, Glasenbach), am Haunsberg sowie im nördlichen Flachgau zwischen Ebenau, Hof und Fuschl.

Weitere Faktoren sind …

  • der mit der Höhe zunehmende Wind, sodass die windschwachen tiefen Lagen vertikal gesehen mehr Schnee anhäufen konnten und weniger von den Bäumen geweht wurde.
  • auch hier das Problem mit dem Bodenwärmestrom, sodass schwer beladene Bäume nicht nur brachen, sondern zur Gänze umstürzten.
  • in Mischwäldern könnte zusätzlich hinzukommen, dass der Boden durch den trockenen Herbst mit exzessiver Laubablagerung ebenfalls isoliert wurde.

In höheren Lagen waren die (Nadel-)Bäume robuster, der Boden gefroren bzw. durch zunehmende Reifablagerungen stabiler „verwurzelte“ Individuen. Hier gab es vor allem verbreitet Stammbrüche, wobei nicht klar ist, wieviel von der Schneelast und wieviel vom Sturm (bzw. beidem) verursacht wurde.

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Am Gaisberg unterhalb von 900m Seehöhe vor allem abgeknickte Kronen und abgebrochene Äste, Höhe Gersbergalm

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In 1200m Seehöhe am Gaisberg vermehrt Stammbrüche

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Am Plateaurand vom Gaisberg (Ostseite)  stellenweise Totalschäden an Laubbäumen (gespalten, umgestürzt, massiver Astverlust

Die Entwarnung, was das Ausmaß des Schneebruchs betrifft, gilt vorläufig nur für Teile des Tennengaus und Pongaus, die alleine aufgrund der Höhenlage natürlich begünstigt sind bzw. mit klimatologisch den absoluten Schneehöhen angepassterem Waldbestand.

Noch überhaupt nicht beziffert werden können die Schäden in der Forstwirtschaft an Güter- und Forstwegen in unbesiedelte Wald- und Bergregionen, geschweige denn zerstörte oder verlegte Wanderwege. Das wird sich erst im Frühjahr nach der Schneeschmelze zeigen. Schon im Spätwinter werden weitere Schäden hinzukommen, die durch den massiven Wassereintrag in den Boden entstehen, mit steigendem Grundwasserpegel. Schon eine Ironie der Natur, dass im Vorjahr Brunnen ausgetrocknet sind und nur wenige Monate später mit dem Abschmelzen der Schneemassen Keller überflutet werden könnten. Die wohl größte Sorge ist jedoch die vor einem großen Hochwasser im Frühling bzw. Frühsommer, wie es an Pfingsten 1999 („Lawinenwinter Galtür“) aufgetreten ist. Das vergangene Jahr zeigte eindrucksvoll, dass auch überdurchschnittliche Schneehöhen zu Winterende ganz unspektakulär abtauen können. Zwei viel zu trockene Frühjahre in Folge wären allerdings doch eher überraschend.

Und eines ist klar: Wir schreiben heute erst den 23. Jänner, in mittleren Lagen dauert der Winter noch mindestens sechs bis acht Wochen, die großen Neuschneemengen im Hochgebirge können auch später noch kommen. Der Höhepunkt ist also noch nicht erreicht, was die Gesamtschneehöhen betrifft.

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