Der unerwartete Föhnsturm: Verhinderbares Unglück

Der vergangene Samstag, 03. Oktober 2020, ging in die Geschichtsbücher ein. An mehreren Bergstationen wurden neue Oktober-Windrekorde aufgestellt, in den Niederungen von Österreich war es noch nie so warm, weder tags noch in der Vornacht. Im Piemont ergossen sich enorme Regenmengen, die zu apokalyptischen Verhältnissen in vielen Tälern mit mehreren Todesopfern führten. Über 100 Häuser haben die Wassermassen zerstört. Auch in den Seealpen gab es Regenmengen von fast 600 l/qm in nur 12 Stunden, das entspricht dem Jahresdurchschnitt von Wien. Trotz der katastrophalen Auswirkungen war das Regen- und Sturmereignis sehr gut vorhergesagt. Schon eine knappe Woche im Voraus hat sich ein außergewöhnliches Sturmereignis abgezeichnet. In Höhen um 1500m wurde am Alpenostrand beständig ein Mittelwind um 60kt (ca. 110 km/h) gerechnet. In Göstling an der Ybbs in Niederösterreich gab es dennoch ein tragisches Unglück, als ein vierjähriges Kind im Mendlingtal von einem umstürzenden Baum erschlagen wurde. Kam der Wind überraschend? Das möchte ich nachfolgend beleuchten.

Der Ablauf

Hochkar (Windmessstation) und Mendlingtal mit der ungefähren Stelle des Unglücksorts, Kartenquelle: Open Street Map

Laut Zeitungsbericht war das Mendlingtal bis 12 Uhr aufgrund des Sturms gesperrt. Der Wind hatte sich bis Mittag gelegt und der Bürgermeister entschied zu öffnen. Gegen 13.45 geschah das Unglück.

„Gegen 14.00 Uhr frischte der Wind laut Bürgermeister entgegen der Wetterprognosen wieder auf. Mehrere gesunde Bäume wurden entwurzelt.“

Quelle: https://noe.orf.at/stories/3069839/

„Dann ist völlig überraschend eine auffrischende Böe, ein Starkwind, eingezogen und hat mehrere gesunde Bäume geknickt“,

Quelle: https://noe.orf.at/stories/3069783/

Meine Erfahrung sagt nach Durchsicht der verfügbaren Wetterdaten etwas anderes: Der Wind hat nicht überraschend wieder aufgefrischt, sondern ist unerwartet schwächer geworden. Das hat zu einer trügerischen Sicherheit geführt, dass das Sturmereignis bereits vorbei ist.

Die Großwetterlage im Satellitenbild am Samstag, 03. Oktober, 13.45 Uhr MESZ:

Quelle: https://kachelmannwetter.com/at/sat/satellit-hd-5min.html

Zum Unglückszeitpunkt liegt ein kräftiger Sturmwirbel mit Zentrum über dem Ärmelkanal. Die langgestreckte Kaltfront dreht sich über Benelux und Süddeutschland bis zur Oberen Adria ein. Sie trennt die warme Föhnluft über Salzburg von kalter Luft im Tiroler Oberland. Um 14.00 werden im Rheintal nur noch kühle 8°C erreicht, in Innsbruck +16°C und in Salzburg-Stadt +25°C. Östlich von Salzburg überwiegt bis in den Osten von Österreich sommerlich warme Föhnluft, auch am Unglücksort (roter Stern) hat es in den Niederungen noch über 20°C. Der erfahrene Synoptiker weiß aufgrund dieser Konstellation, dass der Föhn in den Ybbstaler Alpen noch einige Stunden andauern wird, und zwar so lange, bis die Kaltluft von Westen bodennah in die Täler gekrochen ist und der Föhn abhebt. Im 18km nordöstlich gelegenen Lunz am See sollte das erst zwischen 19 und 20 Uhr MESZ passieren. Vor dem unmittelbaren Frontdurchgang verschärfen sich die Temperaturgegensätze und der Föhn nimmt in der Regel sogar noch einmal zu. Ein Alpen-Meteorologe hätte also mit anhaltendem Sturm gerechnet und nicht mit einer Abschwächung.

Wetterdaten

Quelle: http://www.lawine-steiermark.at/wetter/stationsdaten-lawis

Das nur 4km südöstlich gelegene Hochkar besitzt durch den Lawinenwarndienst eine Windmessstation (1769m). Diese registrierte bis 18 Uhr durchgehend Windspitzen über 100 km/h mit Spitzen bis knapp 160 km/h zwischen 12 und 15 Uhr. In der Höhe zeigte sich also keine Abschwächung des Föhnsturms um die Mittagszeit.

Windspitzen in Lunz am See

In Göstling an der Ybbs selbst gibt es keine Wetterstation, in Lunz am See gab es aber bis Mittag keine Windabschwächung – hier wurden konstant Spitzen über 60km/h gemeldet. Zwischen 12 und 13 Uhr schwächte sich der Föhn kurzzeitig ab, der Höhepunkt wurde zwischen 14 und 15 Uhr mit Spitzen bis 78 km/h erreicht.

Ein guter Indikator für die Stärke des Föhns bzw. des zu erwartenden Winds ist die Druckdifferenz am Boden.

Luftdruck auf Meereshöhe in hPa am 03.10.2020, 12 Uhr MESZ

Um 12 Uhr betrug die Druckdifferenz zwischen Lunz am See und Knittelfeld 6 hPa, Richtung Ausseerland sogar 8-9 hPa. Das sind beachtliche Unterschiede auf kurzer Distanz.

Luftdruck auf Meereshöhe in hPa am 03.10.2020, 13 Uhr MESZ

Um 13 Uhr ist die Druckdifferenz mit 6 hPa gleich geblieben, Richtung Bad Aussee hat sie sogar auf 10 hPa zugenommen.

Luftdruck auf Meereshöhe in hPa am 03.10.2020, 14 Uhr MESZ

Um 14 Uhr beträgt die Druckdifferenz sogar 7 hPa.

Von den Druckdifferenzen her fand also über die Mittagszeit eine stetige Zunahme statt. Was hat dann aber zu der vorübergehenden Windabschwächung am Vormittag geführt? Abkühlung und zwar in Form durchziehender kompakter mittelhoher Wolken. Das zeigen die nachfolgenden fünf Satellitenbilder mit Fokus Niederösterreich. Der Unglücksort ist jeweils rot markiert.

Um 10 Uhr zeigt sich das Mendlingtal noch fast wolkenlos. Die Sonneneinstrahlung sorgt für kräftige Erwärmung und die Föhnluft kann leicht bis in die Niederungen herabgemischt werden.

Um 11 Uhr erfasst kompakte mittelhohe Bewölkung der durchziehenden Leewellenbewölkung den Ort. Lunz hat noch länger Sonnenschein, außerdem liegt die Wetterstation in einem breiten Seitental östlich vom Lunzer See, der Ost- bis Südostwind kann dort leichter durchgreifen als im engen Mendlingtal. Mit der aufziehenden Bewölkung wird die Sonne abgeschirmt und die Lufttemperatur in den Niederungen kühlt um 1-2°C ab. Dieser Betrag reicht bereits aus, dass die Föhnströmung in der Höhe nicht mehr so gut angezapft werden kann, der Föhn hebt vorübergehend ab.

Um 12 Uhr liegt das Mendlingtal mitten unter dem kompakten Wolkenschirm. Die Webcam Wildalpen südöstlich vom Hochkar zeigt sogar recht tiefe Bewölkung mit Untergrenzen von rund 2500-3000m. Die Abkühlung am Boden genügt, dass „der Wind sich gelegt hat“. Als die Entscheidung getroffen wird, den Wanderweg wieder zu öffnen, naht nur wenige Kilometer im Süden jedoch die Wolkenkante der Leewellenbewölkung (blauer Kasten). Die kompakte Bewölkung verschwindet völlig. Gleichzeitig bildeten sich vom Schneebergland bis Wien ausgeprägte stehende Leewellen mit tiefbasigen Wolkenbänken (Stratocumulus), in dieser Ausprägung eher selten und ein weiterer Indikator für die markanten Windgeschwindigkeiten selbst in niedrigen Höhen.

Um 13 Uhr liegt das Mendlingtal genau an der Wolkenkante der abziehenden Leewellenbewölkung. Weiter südlich staut es die tiefe Bewölkung am Hochschwab, das Ennstal ist bereits wieder wolkenlos. Die Stratucumulus-Bänke der stehenden Leewellen im Osten reichen bis zur Wiener Stadtgrenze. Leewellen in Form von tiefen Wolkenbänken sind hier auch über der Oststeiermark südlich des Wechsels erkennbar.

Um 14 Uhr liegt das Mendlingtal wieder voll in der Sonne, auch um Umkreis von rund 20km nimmt die Sonneneinstrahlung zu. Die Luft erwärmt sich erneut und die Föhnluft kann bis in die Niederungen herabgemischt werden. Jetzt griffen erneut Sturmböen durch.

Schlussfolgerung:

Die Großwetterlage zeigt eine kräftige Südföhnströmung über den Ostalpen mit einer langsam von West nach Ost ziehenden Kaltfront, die sich im Alpenvorland mit einströmender kühler Luft zeigte. Im Südstau entstanden am späten Nachmittag und Abend kräftige Gewitter, die von Süden her die steirisch-niederösterreichischen Kalkalpen erfassten. In den Niederungen wurde der Föhn am Abend beendet, auf den Bergen erst gegen Mitternacht (siehe Hochkar). Der Kaltfrontdurchgang wurde zutreffend am Abend prognostiziert, bis dahin sahen die Meteorologen eine stetige Windzunahme. Die großräumigen Druckdifferenzen ließen keine Abschwächung des Föhnsturms um die Mittagszeit erwarten. Der einzige Dämpfer für den Föhnsturm war die für wenige Stunden durchziehende kompakte, teilweise recht tiefbasige Bewölkung, die in Lunz am See und Waidhofen an der Ybbs für 1-2°C Temperaturrückgang gesorgt hat. Die Webcam Wildalpen ist mit einem Temperatursensor ausgestattet und zeigt einen Rückgang zwischen 10.50 und 11.40 Uhr um 1°C und einen Anstieg bis 13.40 MESZ um 3°C. Diese lokale Abkühlung schwächte das Durchgreifen der stürmischen Föhnströmung bis in die Niederungen vorübergehend ab. Gerade in einem tief eingeschnittenen Graben wie dem Mendlingtal können geringfügige Temperaturschwankungen dazu führen, dass der Föhn rasch abhebt und die Kaltluft über dem kühlenden Bach die Oberhand gewinnt. Der Entscheidungsträger wähnte sich in fataler Sicherheit, nachdem mit der aufziehenden Bewölkung der Wind einschlief. Mit dem Abzug der tiefen Bewölkung erwärmte sich die Luft rasch wieder und der Sturm konnte erneut durchgreifen. Dieses Mal mit 1 hPa höherer Druckdifferenz, was auch die höheren Windspitzen gegenüber dem Vormittag erklärt.

Die Wetteranalyse macht das Kind nicht wieder lebendig, aber sie kann künftige Unglücke mit Wetterbezug verhindern. Das setzt jedoch eine (selbst)kritische Auseinandersetzung mit dem Hergang des Unglücks voraus.

Es zeige sich nämlich immer mehr, wie mächtig die Natur sei und wie rasch sie reagiere. „Man ist nicht gefeit davor, auch wenn man alle Vorkehrungen trifft, dass etwas passiert“,

Der Bürgermeister von Göstling an der Ybbs

Hat man denn alle Vorkehrungen getroffen? Die Wetterprognosen waren eindeutig, es handelte sich nicht um eine knifflige Wetterlage mit hoher Unsicherheit, sondern es gab verbreitet in etlichen Alpentälern Sturmböen. Der Entscheidungsträger hätte Rücksprache mit einem Meteorologen halten können, bevor er eine so verantwortungsvolle Entscheidung trifft. Jeder Meteorologe hätte wohl irriert darauf reagiert, dass der Wind überhaupt abgeschwächt hat und mit weiteren Sturmböen auch am Nachmittag gerechnet, spätestens mit Blick auf die Hochkar-Winddaten, aber auch andere Windwerte in der Umgebung. Man kann von einem Laien nicht erwarten, dass er Satellitenbildloop und Webcams im Blick hat, anhand derer man gesehen hätte, dass kurz nach Mittag wieder der status quo hergestellt werden würde (also Rückkehr zu geringer Bewölkung und starker Sonneneinstrahlung). Dafür sind wir Meteorologen da, um die Wetterentwicklung richtig zu interpretieren.

Ich warne vor ad hoc-Entscheidungen, ohne das big picture im Auge zu behalten. Ähnlich verhält es sich auch bei angekündigten Gewitterlagen, wenn der Morgen wolkenlos beginnt und der Wanderer trödelt, um am frühen Nachmittag vom Gewitter überrascht zu werden. Vom Ist-Zustand lässt sich nicht zwingend auf nachher schließen. So hieß in diesem Fall die Windabschwächung eben nicht, dass auch der Nachmittag windschwach verlaufen würde, sondern die Windabschwächung war an die durchziehende Bewölkung gekoppelt, denn die großräumigen Druckdifferenzen nahmen sogar noch weiter zu.

Im Zweifelsfall lieber rückversichern bei einem Wetterexperten und dann entscheiden.

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