Wettervorhersagen richtig kritisieren

„Aber der Wetterbericht hat gesagt, es soll heute regnen.“
„Im Radio haben sie gesagt, es bleibt trocken. Bei mir regnet es.“
„Der Wetterbericht stimmt sowieso nie. Ich schau lieber bei XY.“

Ich nehme das natürlich nicht todernst. In meinem Berufszweig sind solche Unschärfen Alltag. Rückmeldungen über Fehlprognosen sind das wichtigste Instrument zur Verbesserung der Prognosequalität. Es kommt jedoch sehr darauf an, nachprüfen zu können, was nicht gepasst hat. Undefinierbare Aussagen wie oben sind einfach nur ärgerlich und nichtssagend. Das wäre so, wie wenn ich zu jemand in einem anderen, beliebigen Berufsfeld sagen würde „Letztes Jahr hast Du einen Fehler gemacht.“ – Ja, wann? Und welchen? Und welche Arbeit war das genau? Und wo?

Darum ….

Über fehlerhafte Prognosen kann man reden, wenn man weiß,

a) von wem sie stammt (Herausgeber)

b) von wann sie stammt (Ausgabezeitpunkt)

c) für welchen Zeitraum sie galt (Gültigkeitszeitraum)

d) für welche Region sie gilt (Vorhersagegebiet)

Auch wenn es manche Menschen glauben, aber die Wettervorhersage ist kein kommunistisches Berufsfeld mit einer zentralen Ausgabestelle im Staat bzw. auf der ganzen Welt.

Zu a) Die Frage nach dem Herausgeber lässt sich unterteilen in …

i) welche Herausgeber gibt es?

In Österreich gibt es vier staatliche bzw. teilstaatliche Wetterdienstleister: die AustroControl (Flugwetter), die MeteoServe (Straßenwetter), den ORF (ORF-Wetter) und die ZAMG (Unwetterwarnungen, Agrarwetter und Forschung). Daneben gibt es ein paar kleinere private Wetterdienstleister (z.B. MeteoExperts) und einen größeren (UBIMET). Das Wetter in den österreichischen Tageszeitungen teilen sich überwiegend UBIMET (Krone, Heute, Standard, Presse, Wienerzeitung, Kurier, Wirtschaftsblatt, NÖN, BVZ) und ZAMG (Österreich, Salzburger Nachrichten, Oberösterreichische Nachrichten) auf, bis auf ein paar Regionalzeitungen (z.B. Kleine Zeitung, TT). Die bekannten Webseiten wie wetter.at (= oe24, Österreich-Tageszeitung, ZAMG-Daten), wetter.tv und uwz.at (UBIMET) beziehen ihre Daten und Prognosen jeweils von den dahinter stehenden Anbietern und nicht nur von einem Anbieter.

ii) welche Zielgruppe haben sie?

Radiosender mit einem jüngeren Zielpublikum legen weniger Wert auf ausführliche Wetterberichte und gewichten zudem das subjektive Wohlbefinden höher, sprich bei Ö3 oder Kronehit hört man in der Regel kürzere, allgemeiner gehaltene und salopper formulierte Prognosen, die vor allem Sommer, Sonne, Hitze, trocken betonen, während es bei Ö1 ausführlichere Prognosen, manchmal mit etwas Hintergrundinformation gibt, die nüchterner vorgetragen werden.

Tageszeitungsprognosen richten sich meist an die Regionen, wo die meisten Menschen leben, also im Flachland, in den Städten. Zudem verhindert die begrenzte Zeichenanzahl oftmals detaillierte Prognosen.

Flugwetterprognosen haben aufgrund des hohen Stellenwerts der Sicherheit einen ganz anderen Anspruch und Qualität als Zweizeiler im Radio oder in einer Boulevardzeitung.

Automatisierte Prognosen wie sie durch Punktprognosen, Niederschlagswahrscheinlichkeiten, Symbole bei Online-Anbietern und in Wetter-Apps ausgedrückt werden, werden vom Meteorologen in der Regel NICHT berichtigt.

zu b) Der Ausgabezeitpunkt:

Während gedruckte Zeitungen – no na – nicht mehr korrigiert werden können, werden Prognosen im Online-Bereich je nach dafür eingesetztem Personal mehrmals am Tag aktualisiert. Eine Prognose, die bereits 7 Tage alt ist, ist meist nicht mehr so zuverlässig wie jene vom Vortag. Ausnahmen gibt es durchaus, aber in den meisten Fällen verschlechtert sich die Prognosequalität mit zunehmendem Gültigkeitszeitraum.

zu c) Der Gültigkeitszeitraum:

Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob die Prognose den ganzen Tag galt oder nur für die kommenden Stunden. Hierin liegt auch ein Problem, wie Wettersymbole zutreffend interpretiert werden können (TV-Tipp: W wie Wissen – über Wetter-Apps, ARD-Mediathek), denn ein Symbol mit Sonne, Quellwolke, Regen kann interpretiert werden als 50-50% des Zeitraums scheint die Sonne, 50-50% regnet es, 33% Sonne, 33% Wolke (trocken), 33% Regen, und es gilt für die ganze Region oder nur einen Teil der Regionen. Das ist als Meteorologe schon nicht leicht, solche Symbole richtig einzusetzen und noch viel weniger kann er ausgehen, dass sie auch so verstanden werden, wie er es beabsichtigt hat.

„Im Wetterbericht war Regen angesagt, aber hier ist blauer Himmel.“

Manchmal wird auch zu vorschnell geurteilt, denn je nachdem, ob sich Gewitter vor Ort entwickeln mit zunehmender Quellbewölkung oder als ausgedehnte Gewitterfront heranziehen, kann sich auch die Bewölkung sehr schnell ändern. Rückmeldungen bitte erst, wenn der Gültigkeitszeitraum abgelaufen ist!

zu d) Das Vorhersagegebiet – ganz wichtig!

Wenn es bei Ö3 heißt: „Am Nachmittag sind örtliche Gewitter möglich.“, dann heißt das nicht, dass auf der Ennstaler Hütte im Gesäuse am Nachmittag zwingend Gewitter auftreten müssen. Der durchschnittliche Hüttenwirt ärgert sich aber über solche Prognosen, weil dann Gäste wegbleiben, selbst wenn es (in den meisten Fällen) lange trocken bleibt und erst spätnachmittags/abends Gewitter durchziehen.

Allgemeinere Prognosen, die ein großes Vorhersagegebiet umfassen (vor allem Radioprognosen, aber auch TV-Prognosen, sowie die Österreich-Texte in den Zeitungen und auf Webseiten der Anbieter selbst), können nicht auf kleinräumige Besonderheiten eingehen, etwa auf gebietsweise verringerte Gewittergefahr (weil Restwolken vom Vortag die Einstrahlung behindern oder gerade dort stabilisierender Nordwestwind weht oder föhnige Effekte auftreten).

Wenn die im Radio sagen, dass es heute zu Schauern kommen kann, meinen sie damit nicht zwingend Dich und den Ort, an dem Du Dich gerade aufhältst!

Wie schwierig es ist, in wenig Text eine aussagekräftige Prognose zu formulieren, zeigen die folgenden Beispiele. Bitte dies nicht als Kritik an die Meteorologen verstehen, die die Texte formuliert haben. Sie sind es meist nicht, die die Vorgaben und den erforderlichen Zeitaufwand für die Vorhersagetexte bestimmen, und gerade Wetterlagen wie in den vergangenen Wochen (bzw. schon seit mehreren Jahren) mit wenig Luftmassenbewegung erzeugen besonders hohe Unsicherheiten.

Beispiel 1: Prognose für ganz Österreich:

orf-prognose-large

Zeitweise lässt sich unterschiedlich interpretieren, entweder als genau die Hälfte der Zeit oder auch etwas weniger, sonst schriebe man eher „Sonne und Wolken wechseln sich ab“, der Zusatz zumindest deutet an, dass dieser Wetterzustand nicht überall bzw. nicht im ganzen Zeitraum anzutreffen ist. Nach Westen zu hängt davon ab, wie man den Westen definiert (nimmt man Südwesten und Nordwesten auch mit?) und wo man sich befindet. Ein Pinzgauer wird sich eher dem Westen zugehörig fühlen, der Lungauer sieht sich schon im Süden. Ein nach Westen zu im Gesamttext meint in der Regel Vorarlberg und Nordtirol (und noch Pinzgau, evtl. Osttirol, Oberkärnten). Dann stellt sich die Frage, wie das Bergland definiert ist. Denn etwa westlich einer Linie Salzburg-Villach ist ALLES Bergland, mit Ausnahme des Bodenseeraums. Gemeint ist aber eher, dass sich Schauer auf Berge, Kämme, Gebirgszüge beschränken und nicht direkt über dem Talboden stehen. Bei großen Quertälern wie dem Inntal oder in den Tal- und Beckenlagen Unterkärntens kann es daher durchaus am Talboden bis in den Nachmittag hinein sonnig bleiben, während die Berge in Wolken gehüllt sind. Die meisten Täler sind allerdings deutlich schmäler und steiler und Quellwolken verdecken dann mehr Talbodenfläche. Einzelne Schauer bedeutet eher eine geringes Auftreten im Gegensatz zu „zeitweise, verbreitet, gebietsweise“, ist aber etwas mehr als „stellenweise, örtlich, vereinzelt“ bzw. „nicht ausgeschlossen“. Wenig Wind bezieht sich meist aufs Flachland, Talwindsysteme (etwa der durchaus kräftige Taleinwind im Inntal) sind nicht berücksichtigt. Inneralpin kann also tagsüber durchaus ein nennenswerter Wind gehen. Die Temperaturspanne umfasst ganz Österreich, das heißt nicht, dass an Deinem Ort 28 Grad auftreten müssen! Du wirst irgendwo zwischen 18 und 28 Grad liegen, wobei der Osten in der Regel das östliche Flachland Niederösterreichs  umfasst. Temperaturangaben beziehen sich, wenn nichts weiter hinzugefügt wird, immer auf die Niederungen.

Beispiel 2: Prognose für Niederösterreich

noe

Quelle beider Karten: maps-for-free.com, Text: wetter.orf.at

Die Freitagsprognose (4-Tage) enthält die Unschärfe, wo die Wärmegewitter bevorzugt auftreten. Das kann zwei Gründe haben: Entweder die genannten wie Platz- oder Zeitmangel, oder die Wetterlage ist tatsächlich so, dass auch im Flachland Gewitter begünstigt sind. In den meisten Fällen entstehen Wärmegewitter jedoch ausschließlich über den Bergen bzw. im höheren Waldviertel, wo die Absinkinversion durch den Hochdruckeinfluss überwunden werden kann. Zudem ist das Feuchteangebot dort größer als im Flachland (mehr Wald, weniger Wind, mehr Schatten, Moore, etc.). Möglicherweise könnte man hier also eingrenzen und wesentlich geringere Wahrscheinlichkeiten für den Seewinkel angeben als für das Gebiet um Schneeberg, Rax und Wechsel. Allerdings wissen die meisten Leser auch, dass Wärmegewitter eher über den Bergen als im Flachland entstehen (bzw. je nach Höhenwind in weiterer Folge ins Flachland ziehen). Bei den angegeben Höchstwerte hängt es ein wenig (vom unerwähnten) Wind ab, wo die höchsten Maxima auftreten werden. Bei Südföhn eher im Mostviertel, bei Westwind eher im südlichen Schwarzatal bis Gumpoldskirchen, bei Südost und Nordwest eher im Seewinkel. Auch hier beziehen sich die Angaben auf die Niederungen.

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Ein Gedanke zu „Wettervorhersagen richtig kritisieren

  1. Pingback: Hüttenwirte leiden unter Angst der Gäste vor Unwettern: Unglückliche Formulierung | Meteo Error

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