Tornado am Wagram/NÖ: Wie in Tschechien oder anders?

Am 04. Mai 2022 gab es im Bezirk Tulln im Bereich Ottenthal/Ruppersthal bei Kirchberg am Wagram gegen 16 Uhr eine Tornadosichtung. Ein Feuerwehrkommandant zweifelt die Sichtung an und spricht von einer Windhose (Spoiler: Zwischen Windhose und Tornado besteht kein Unterschied), meinte damit aber einen Staubteufel.

Im ORF wird das Naturschauspiel so eingeordnet:

„Tornados sind ein eher seltenes Phänomen in Österreich und außergewöhnlich zu dieser Jahreszeit. Pro Jahr werden etwa vier bis zehn solcher Wirbelstürme gesichtet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehörte der Tornado vom Mittwoch – wie die meisten in Österreich – zu den am wenigsten gefährlichen der Kategorie F0 in der Fujita-Skala. Diese Skala klassifiziert Tornados anhand der entstandenen Schäden, da eine Windmessung in den Wirbelstürmen in der Regel nicht stattfindet.“

Die Zweifel des Feuerwehrmanns lassen sich rasch zerstreuen: Kleintromben über Land wie Staub-, Heu- und Sandteufel benötigen eine Überhitzung des Bodens, wie sie nur durch die Sonnenenstrahlung zustande kommen kann, typischerweise an einem hochsommerlich heißen und sonnigen Tag.

Zum Zeitpunkt der Tornadosichtung (16 Uhr) herrschten kühle 16-17°C rund um Tulln.
Auch das Satellitenbild zeigt im sichtbaren Kanal kompakte hohe Bewölkung (Eisschirme) von Gewitterwolken in der Umgebung. Schon lange vor der Tornadosichtung gab es keinen Sonnenschein.

Im Video ist auch ersichtlich, dass der Himmel stark bewölkt war. Einen gewöhnlichen Staubteufel kann man also ausschließen.

Auch Stormchaser, ESSL- und ESTOFEX-Mitglied Georg Pistotnik spricht von einem zweifelsfreien Tornado im Interview mit Puls24.

Tornado in Niederösterreich nicht mit Tschechien 2021 vergleichbar

Manche Leser dachten bei der Tornadomeldung gleich an den starken Tornado in Tschechien im Juni letzten Jahres (vgl. Fallstudie vom 24.06.21). Ich dachte hingegen an eine Analyse, die ich im Zuge eines Tornados im Juni 2016 in Hamburg verfasst habe.

Wenn es um die Folgen einer dramatischen Erderhitzung geht, dann sind damit immer Tornados wie in Tschechien gemeint, die in Zusammenhang mit rotierenden Schwergewittern (Superzellen) entstehen. Sie brauchen neben hoher Energie auch eine starke Windscherung mit der Höhe, sowie langlebige Gewitter im Allgemeinen. Im letzten Jahr wurde der Eindruck erweckt, dass nun jede Gewitterlage schwere Tornados hervorbringen könnte, doch fehlt meist die Zutat starke Windzunahme mit der Höhe in den untersten 2-3km.

Radiosondenaufstieg Wien, 04. Mai 2022, 14 Uhr Sommerzeit

Der Wetterballonaufstieg zeigt, dass die gesamte Atmosphäre bis zur Wolkenobergrenze äußerst windschwach geschichtet war. Bodennah schwache Ostwinde, in 500 hPa (ca. 5,5km Höhe) 15kt Westwind, erst an der Tropopause in rund 10-11km Höhe schwache 20-25kt Südostwind. Meist lag die Obergrenze aber bei 9km Höhe, erst weiter westlich wurden stellenweise -60°C erreicht. Der schmale Bereich mit etwas stärkeren Höhenwinden hätte aber bei weitem nicht ausgereicht, um organisierte Gewitter zu produzieren. Bodennah fehlte die starke Windzunahme mit der Höhe völlig.

Weiters ist die Labilitätsfläche („Energie“) sehr schmal, der Auftrieb also nicht so stark. Für kleinkörnigen Hagel hat es gereicht, weil die Nullgradgrenze mit 2500m vergleichsweise niedrig lag.

Der entscheidende Hinweis war aber die Windrichtung und -stärke am Boden in der großräumigen Umgebung des Tornados:

Windsituation zwischen 15.30 und 16 Uhr Lokalzeit, rot markiert Ort der Tornadosichtung

Um 15.30 MESZ meldete Gars am Kamp 7kt Nordwest, Krems 15kt Nordwest, St. Pölten 12kt Südost, Buchbergwarte 19kt und Flugplatz Tulln 16kt Südostwind, in Stockerau waren es sogar 28kt Südwind. Daraus resultierte eine markante bodennahe Konvergenzlinie, die sich für eine knappe Stunde halten konnte.

Typ-II-Tornados nach Wakimoto und Wilson 1989 an einer Konvergenzlinie

Die gegenläufige Strömung bildet also Wirbel am Boden, die um eine vertikale Achse rotieren. Durch den starken Aufwind wird der Wirbel zum Tornado gestreckt. Die Definition eines Tornados ist der rotierende Wirbel um die senkrechte Achse, nicht der sichtbare Wolkenschlauch. In diesem Fall sah man nur den unteren Bereich, der Staub aufgewirbelt hat, der Fotograf hat nicht zur Wolkenuntergrenze hinaufgefilmt, sonst hätte man vielleicht die Trichterwolke gesehen. In jedem Fall muss der rotierende Schlauch nicht vollständig auskondensiert sein, um als Tornado zu gelten.

Radarbild (5min-Prognose von 15.55 Uhr aus Lizenzgründen) von 16 Uhr

Die fragliche Zelle befand sich nördlich von Kirchberg am Wagram, eingebettet in eine unregelmäßige Linie, die sich langsam von West nach Ost bewegte.

Schlussfolgerung: Im Gegensatz zum Tornado in Tschechien entstand dieser schwache, kurzlebige Tornado an einer Konvergenzlinie, zwar mit Beteiligung eines kräftigen Gewitters, aber ohne Rotation der Gewitterwolke selbst. Diese sogenannten Typ-II-Tornados, auch nichtsuperzelligen Tornados, können prinzipiell bei jeder Wetterlage mit den Voraussetzungen für Schauer oder Gewitter, Bodenkonvergenzlinien, schwachen Windverhältnissen darüber und starkem Auftrieb in den untersten 3km Höhe entstehen.

Im Gegensatz zur Ö3-Meldung würde ich die Jahreszeit nicht als außergewöhnlich bezeichnen. Gerade im Mai sind gradientschwache Wetterlagen mit flacher Druckverteilung am Boden, etwas Höhenkaltluft und dem Aufbau von hochreichendem „skinny CAPE“ durchaus typisch anzusehen. Typ-II-Tornados würde ich Anfang Mai eher erwarten als die gefürchteten Typ-I-Tornados (Superzellentornados), die wie in Tschechien oder 1916 in Wiener Neustadt schwere Schäden anrichten können.

Der Tornado in Niederösterreich ist klimatologisch damit völlig im Rahmen der durchschnittlich vier bis zehn Tornados im Jahr in Österreich und kein Beleg für die dramatischen Folgen der globalen Erderhitzung.

Ich formulier es einmal so: In Zeiten dramatisch niedriger Grundwasserspiegel und problematischer Trockenheit in vielen Teilen Mitteleuropas und des Alpenraums müssen wir froh sein, wenn es noch zu sommerlicher Abkühlung durch heftige Gewitter kommt, bestenfalls in Form großflächiger Gewittercluster, die das Niederschlagsdefizit wenigstens gebietsweise auffüllen. Man darf sich aber auch keine Illusionen machen: Gewitter sind je nach Standort häufig unwetterartig, sei es durch Hagel, durch Sturm, durch lokal begrenzten Starkregen. Über einer unbewirtetschafteten Weide richtet ein Gewitterguss keinen Schaden an, über einer bepflanzten Acker kann er die Jahresernte davonschwemmen.

Viel besorgniserregender sind die langen Trockenphasen, die in den letzten Jahrzehnten zunehmen.

EZWMF-Langfristprognose für den Sommer: zu heiß und zu trocken in weiten Teilen Mitteleuropas

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